PFAS werden häufig als „ewige Chemikalien“ bezeichnet. Sie finden sich in Bratpfannen, Regenjacken und Kosmetikartikeln – und mittlerweile auch tief in natürlichen Lebensräumen. Eine italienische Forschungsgruppe zeigt jetzt, dass Greifvögel dabei helfen können, diese unsichtbaren Schadstoffe gezielter nachzuweisen. Damit werden die Tiere zu lebenden Messinstrumenten für eine Belastung, die längst auch den Menschen erreicht.
Was sich hinter den „ewigen Chemikalien“ verbirgt
PFAS ist die Kurzbezeichnung für per- und polyfluorierte Chemikalien. Ihre außergewöhnliche Beständigkeit macht sie einerseits vielseitig nutzbar, andererseits jedoch besonders bedenklich.
- Sie weisen Wasser und Fett ab.
- Sie sind gegen Hitze und Reibung widerstandsfähig.
- In der Umwelt werden sie kaum abgebaut.
PFAS kommen unter anderem in folgenden Produkten vor:
- Antihaftbeschichtungen von Pfannen und Töpfen
- Outdoor- und Funktionsbekleidung
- Feuerlöschschäumen
- Lebensmittelverpackungen und Pizzakartons
- bestimmten Kosmetik- und Hygieneartikeln
Kritisch wird es, wenn diese Chemikalien in den Körper gelangen. Leber und Nieren können PFAS kaum aus dem Organismus entfernen. Stattdessen sammeln sich die Stoffe im Blut und in Organen an – Fachleute sprechen dabei von Bioakkumulation.
PFAS verlassen den Körper praktisch nicht mehr. Jede zusätzliche Aufnahme legt eine weitere Schicht auf ein ohnehin wachsendes chemisches Konto.
Untersuchungen verknüpfen PFAS unter anderem mit Störungen des Hormonhaushalts, einem geschwächten Immunsystem und einem höheren Risiko für bestimmte Krebsarten. Im Mittelpunkt der Debatte stehen meist belastetes Trinkwasser und die gesundheitlichen Folgen für Menschen. Die neue Arbeit aus Italien lenkt den Blick nun auf die Tierwelt – genauer gesagt auf Greifvögel.
Greifvögel als PFAS-Frühwarnsystem der Natur
Die im Fachjournal „Toxicology Mechanisms and Methods“ erschienene Studie wertet Daten aus unterschiedlichen Weltregionen aus. Untersucht wird, welchen Beitrag Greifvögel zum besseren Verständnis der PFAS-Verbreitung in der Umwelt leisten können.
Das Ergebnis ist eindeutig: Falken, Adler und weitere Greifvogelarten sind sehr gut als sogenannte Sentinelarten geeignet, also als biologische Frühwarnsysteme.
Greifvögel sitzen an der Spitze der Nahrungskette. Was sich unter ihnen ansammelt, landet früher oder später in ihrem Körper – und wird dort messbar.
In fast allen analysierten Gewebearten wiesen die Forschenden PFAS nach:
- im Blut
- in der Leber
- in Eiern
- in Federn
Diese Verteilung macht deutlich, wie weit die Chemikalien in den Körper eindringen. Federn und Eier können vergleichsweise schonend gewonnen werden. Das ist besonders wichtig, damit seltene Arten durch die Probenahme nicht zusätzlich beeinträchtigt werden.
Fischfressende Greifvögel tragen ein höheres Risiko
Zu den zentralen Befunden der Studie gehört, dass überwiegend fischfressende Greifvögel deutlich höhere PFAS-Konzentrationen aufweisen als Arten, die ausschließlich an Land Beute machen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Seeadler
- Fischadler
- fischjagende Bussarde oder Milane in Feuchtgebieten
Der Grund liegt im Eintrag der Stoffe: Viele PFAS-Arten gelangen über Industrieabwässer, Kläranlagen und Regenwasser zunächst in Gewässer. Dort sammeln sie sich in Sedimenten, kleinen Wasserlebewesen und Fischen an, bevor sie schließlich bei deren Fressfeinden landen.
Die Nahrungskette wirkt wie ein chemischer Verstärker: Was im Wasser klein beginnt, endet im Greifvogel in vielfach höherer Konzentration.
Damit verdeutlicht die Studie, wie stark insbesondere aquatische Ökosysteme von PFAS betroffen sind. Besonderes Augenmerk gilt langkettigen Verbindungen wie PFOS, die äußerst langlebig sind und sich besonders stark im Körper anreichern.
Weshalb Greifvögel besonders aussagekräftige Indikatoren sind
Dass die Forschenden gerade Greifvögel als Indikatoren ausgewählt haben, ist strategisch sinnvoll. Dafür kommen mehrere Eigenschaften zusammen:
- Spitze der Nahrungskette: Sie erbeuten Fische, Kleinsäuger oder andere Vögel, die bereits Schadstoffe aufgenommen haben können.
- Lange Lebensdauer: Viele Greifvogelarten erreichen ein vergleichsweise hohes Alter und haben dadurch viel Zeit, Schadstoffe anzusammeln.
- Weite Reviere: Sie nutzen große Gebiete und können daher Hinweise auf Belastungen über weite Räume liefern.
- Gute Überwachbarkeit: Brutplätze und Horste werden häufig seit Jahren kontrolliert, weshalb die Datenlage vergleichsweise gut ist.
PFAS-Messungen bei Greifvögeln liefern somit nicht lediglich eine Momentaufnahme eines einzelnen Gewässers. Sie ermöglichen vielmehr einen zusammengeführten Blick auf die Schadstoffbelastung im gesamten Lebensraum der Tiere.
Alte PFAS nehmen ab, neue Verbindungen treten auf
Einige der bekanntesten PFAS-Verbindungen sind in vielen Staaten inzwischen streng reguliert oder verboten. In bestimmten Regionen sinken ihre Konzentrationen tatsächlich leicht. Gleichzeitig erscheinen jedoch neue, weniger gut erforschte Stoffe als Ersatz für die bisherigen Chemikalien.
Diese „Nachfolger-PFAS“ besitzen oft kürzere Kohlenstoffketten und sollen angeblich schneller abgebaut werden. Erste Daten weisen jedoch darauf hin, dass auch sie problematisch sein können. Ebenso können sie sich über Wasser, Luft und Nahrungsketten über große Entfernungen verbreiten.
Die Industrie wechselt von bekannten zu unbekannten Molekülen, doch für die Natur macht das kaum einen Unterschied: Die Belastung bleibt, sie ändert nur ihr chemisches Gesicht.
Die italienische Studie mahnt deshalb, sinkende Werte einzelner älterer Stoffe nicht als Entwarnung zu verstehen. Ohne langfristiges Monitoring nach klaren Standards bleibt schwer erkennbar, welche neuen PFAS im Hintergrund zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Langfristige Überwachung statt kurzer Momentaufnahme
Die Forschenden sprechen sich für flächendeckende Programme über mehrere Jahre aus, in denen Greifvögel systematisch untersucht werden. Idealerweise würden zusätzlich andere Tierarten wie Fische, Robben oder Kleinsäuger einbezogen. Dadurch ließen sich verschiedene Ebenen der Nahrungskette direkt miteinander vergleichen.
Eine sinnvolle Vorgehensweise könnte folgendermaßen aussehen:
- Auswahl empfindlicher Arten in belasteten Regionen
- Regelmäßige Proben aus Blut, Federn und, sofern möglich, Eiern
- Standardisierte Labormethoden, damit Ergebnisse international vergleichbar sind
- Verknüpfung der Daten mit Informationen zu Trinkwasser, Böden und Lebensmitteln
Solche Programme könnten nicht nur Belastungsschwerpunkte sichtbar machen. Sie würden außerdem frühzeitig anzeigen, ob Verbote oder strengere Vorgaben im Chemikalienrecht tatsächlich Wirkung zeigen.
Was PFAS für Menschen in Europa bedeuten
Die Erkenntnisse aus Italien sind unmittelbar für den deutschsprachigen Raum relevant. Auch Deutschland, Österreich und die Schweiz weisen Regionen mit stark belastetem Grund- und Trinkwasser auf. Dort gelangen PFAS etwa über Industrieparks, Flughäfen oder frühere Löschübungsplätze in die Umwelt.
Greifvögel in solchen Gebieten könnten Belastungsmuster zeigen, die denen der Studie ähneln. Untersuchungen an diesen Tieren würden ein genaueres Bild davon liefern, wie weit PFAS hierzulande bereits in Nahrungsketten eingedrungen sind.
| PFAS-Quelle | Möglicher Weg in den Greifvogel |
|---|---|
| belastetes Trinkwasser | Fische nehmen PFAS auf, fischfressende Greifvögel fressen diese Fische |
| Industrieabfälle | Eintrag in Böden, Kleinsäuger und andere Beutetiere nehmen PFAS auf |
| Feuerlöschschäume | Versickerung in Grundwasser, spätere Aufnahme über aquatische Nahrungsketten |
Bioakkumulation, Toxizität und Krebsgefahr: die wichtigsten Begriffe
Viele wichtige Fachbegriffe zu PFAS wirken theoretisch, beschreiben jedoch konkrete Vorgänge:
- Bioakkumulation: Kleine PFAS-Mengen werden über lange Zeit wiederholt aufgenommen. Weil der Körper kaum etwas abbaut, steigen die Werte langsam, aber fortlaufend an.
- Biomagnifikation: Die Konzentrationen erhöhen sich mit jeder Stufe der Nahrungskette. Vom Plankton über den Fisch bis zum Greifvogel vervielfacht sich die Belastung.
- Toxizität: Abhängig vom jeweiligen PFAS-Typ können Leber, Immunsystem oder Hormonsystem geschädigt werden – häufig bereits bei niedrigen Konzentrationen.
Für Menschen heißt das: Wer regelmäßig belastetes Wasser oder belastete Lebensmittel zu sich nimmt, baut über die Jahre ein messbares PFAS-Niveau im Blut auf. Bei Greifvögeln funktioniert dieser Prozess ähnlich, oft jedoch schneller und mit höheren Spitzenwerten, weil sie an der Spitze des Nahrungsnetzes stehen.
Praktische Schritte für Forschung, Politik und Verbraucher
Die italienische Studie bietet keinen einfachen Ausweg, zeigt aber konkrete Ansatzpunkte auf:
- Forschung: Monitoringprogramme mit Greifvögeln ausbauen und offene Datenbanken für internationale Vergleiche veröffentlichen.
- Politik: strengere PFAS-Grenzwerte im Wasser festlegen, bei neuen Verdachtsstoffen rasch handeln und PFAS-freie Alternativen in Industrie sowie Alltagsprodukten fördern.
- Verbraucher: bewusst einkaufen, auf PFAS-freie Beschichtungen und Textilien achten und regionale Informationen zur Trinkwasserqualität verfolgen.
Greifvögel liefern dabei weit mehr als abstrakte Laborwerte. Hohe PFAS-Mengen in ihren Federn, Eiern und Organen zeigen, dass die Belastung längst das Zentrum jener Ökosysteme erreicht hat, die eigentlich geschützt werden sollen – und damit auch der eigenen Gesundheit näherkommt.
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