Seit 2020 hat sich die als Long COVID bezeichnete Erkrankung zu einer weit verbreiteten Behinderung entwickelt. Sie beeinträchtigt die Gesundheit und Lebensqualität von Millionen Menschen weltweit und verursacht durch geringere Produktivität Beschäftigter sowie einen allgemeinen Rückgang der Erwerbsbevölkerung volkswirtschaftliche Kosten in Milliardenhöhe.
Die enorme wissenschaftliche Aufmerksamkeit für Long COVID hat mehr als 24.000 Fachveröffentlichungen hervorgebracht. Damit ist sie die in einem Zeitraum von vier Jahren am intensivsten untersuchte Gesundheitsstörung der dokumentierten Menschheitsgeschichte.
Long COVID beschreibt die Gesamtheit langfristiger gesundheitlicher Folgen einer Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus.
Das Spektrum reicht von anhaltenden Atemwegsbeschwerden wie Atemnot über stark belastende Erschöpfung und Konzentrationsstörungen, die die Arbeitsfähigkeit einschränken, bis zu Erkrankungen wie Herzinsuffizienz und Diabetes, die bekanntermassen lebenslang bestehen bleiben.
Ich bin Arzt und Wissenschaftler und untersuche Long COVID seit den ersten Tagen der Pandemie intensiv.
Als Sachverständiger zu Long COVID habe ich vor dem US-Senat ausgesagt, umfangreich zu diesem Thema publiziert und wurde 2024 aufgrund meiner Forschung auf diesem Gebiet von Time zu einer der 100 einflussreichsten Personen im Gesundheitswesen gezählt.
In der ersten Hälfte des Jahres 2024 lieferten zahlreiche Berichte und wissenschaftliche Arbeiten zu Long COVID zusätzliche Erkenntnisse über diese komplexe Erkrankung.
Besonders deutlich wurde dabei, dass COVID-19 noch Jahre nach der ursprünglichen Virusinfektion in vielen Organen schwere Schäden verursachen kann. Zudem verdichten sich die Hinweise auf eine monatelang oder jahrelang fortbestehende Viruspräsenz und eine Fehlfunktion des Immunsystems nach der Erstinfektion.
Wie Long COVID den Körper beeinträchtigt
Eine Studie, die meine Kolleginnen, Kollegen und ich am 17. Juli 2024 im New England Journal of Medicine veröffentlichten, zeigt: Im Verlauf der Pandemie ist das Risiko für Long COVID gesunken.
2020, als die ursprüngliche SARS-CoV-2-Variante vorherrschte und noch keine Impfstoffe verfügbar waren, entwickelten rund 10,4 % der Erwachsenen nach einer COVID-19-Erkrankung Long COVID.
Anfang 2022, als Varianten der Omikron-Familie dominierten, lag dieser Anteil bei ungeimpften Erwachsenen bei 7,7 % und bei geimpften Erwachsenen bei 3,5 %. Ungeimpfte Menschen hatten somit ein mehr als doppelt so hohes Risiko, an Long COVID zu erkranken.
Für die aktuelle Rate Mitte 2024 liegen Forschenden wie mir noch keine belastbaren Zahlen vor, weil Long-COVID-Fälle erst mit Verzögerung in den Daten sichtbar werden. Der Zustrom neuer Patientinnen und Patienten in Long-COVID-Ambulanzen entsprach jedoch dem Niveau von 2022.
Unsere Ergebnisse führen den Rückgang auf zwei wesentliche Faktoren zurück: die Verfügbarkeit von Impfstoffen und veränderte Eigenschaften des Virus. Dadurch verursachte das Virus seltener schwere akute Infektionen und seine Fähigkeit, lange genug im menschlichen Körper zu verbleiben, um eine chronische Erkrankung auszulösen, könnte abgenommen haben.
Trotz des geringeren Erkrankungsrisikos ist selbst ein Risiko von 3,5 % erheblich. Erst- und Reinfektionen mit COVID-19 führen zu Millionen neuer Long-COVID-Fälle, die zu der bereits erschreckend hohen Zahl betroffener Menschen hinzukommen.
Schätzungen für das erste Pandemiejahr gehen davon aus, dass weltweit mindestens 65 Millionen Menschen Long COVID hatten. Gemeinsam mit einer Gruppe weiterer führender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wird mein Team in Kürze aktualisierte Schätzungen zur weltweiten Belastung durch Long COVID und zu den Auswirkungen auf die globale Wirtschaft bis 2023 veröffentlichen.
Darüber hinaus beschreibt ein bedeutender neuer Bericht der Nationalen Akademien der Wissenschaften, Ingenieurwissenschaften und Medizin sämtliche gesundheitlichen Folgen, die Long COVID ausmachen. Die Sozialversicherungsbehörde gab den Bericht in Auftrag, um die Konsequenzen von Long COVID für ihre Leistungen bei Erwerbsminderung besser zu verstehen.
Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Long COVID eine komplexe chronische Erkrankung ist, die mehr als 200 gesundheitliche Folgen in mehreren Körpersystemen verursachen kann. Dazu zählen neu auftretende oder sich verschlechternde:
- Herzerkrankungen
- neurologische Probleme wie kognitive Beeinträchtigungen, Schlaganfälle und Dysautonomie. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von Störungen des autonomen Nervensystems, also jener Nerven, die zahlreiche lebenswichtige Körperfunktionen wie Blutdruck, Herzfrequenz und Temperatur steuern.
- Belastungsintoleranz nach Anstrengung, ein Zustand extremer Erschöpfung, der bereits nach geringer Aktivität auftreten kann und Betroffene häufig für Stunden, Tage oder Wochen handlungsunfähig macht
- Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts
- Nierenerkrankungen
- Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Hyperlipidämie oder ein Anstieg des schädlichen Cholesterins
- Fehlfunktionen des Immunsystems
Long COVID kann Menschen in jeder Lebensphase betreffen – von Kindern bis zu älteren Erwachsenen – und tritt unabhängig von ethnischer Herkunft, Hautfarbe oder dem vorherigen Gesundheitszustand auf. Entscheidend ist: Mehr als 90 % der Menschen mit Long COVID hatten zuvor eine leichte COVID-19-Erkrankung.
Laut dem Bericht der Nationalen Akademien kann Long COVID zudem dazu führen, dass Betroffene nicht an ihren Arbeitsplatz oder in die Schule zurückkehren können. Ebenso können die Lebensqualität, die Fähigkeit zur Bewältigung alltäglicher Aufgaben sowie die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit noch Monate oder Jahre nach der Erstinfektion eingeschränkt sein.
Der Bericht hebt hervor, dass viele gesundheitliche Folgen von Long COVID – darunter Belastungsintoleranz nach Anstrengung und chronische Erschöpfung, kognitive Beeinträchtigungen sowie Störungen des autonomen Nervensystems – derzeit nicht im Verzeichnis der Beeinträchtigungen der Sozialversicherungsbehörde erfasst werden. Dennoch können sie die Fähigkeit einer Person zur Teilnahme am Arbeitsleben oder Schulunterricht erheblich beeinträchtigen.
Ein langer Weg liegt vor uns
Gesundheitsprobleme infolge von COVID-19 können zudem noch Jahre nach der ursprünglichen Infektion fortbestehen.
Eine Anfang 2024 veröffentlichte grosse Studie zeigte, dass selbst Menschen mit einer leichten SARS-CoV-2-Infektion im dritten Jahr nach der Erstinfektion weiterhin neue COVID-19-bedingte Gesundheitsprobleme entwickelten.
Diese Ergebnisse stehen im Einklang mit weiteren Untersuchungen, denen zufolge das Virus nach einer COVID-19-Infektion über Monate oder Jahre in verschiedenen Organsystemen verbleibt. Studien zeigen ausserdem, dass Immunreaktionen auf die Infektion selbst zwei bis drei Jahre nach einem leichten Verlauf noch nachweisbar sind.
Zusammengenommen könnten diese Untersuchungen erklären, warum eine Jahre zurückliegende SARS-CoV-2-Infektion noch lange nach der ursprünglichen Erkrankung neue Gesundheitsprobleme auslösen kann.
Auch beim Verständnis der Mechanismen, über die Long COVID den Körper schädigt, werden wichtige Fortschritte erzielt.
Zwei vorläufige Studien aus den USA und den Niederlanden zeigen, dass gesunde Mäuse Long-COVID-ähnliche Beschwerden wie Muskelschwäche und Gleichgewichtsstörungen entwickeln, wenn Forschende ihnen Autoantikörper von Menschen mit Long COVID übertragen. Autoantikörper sind Antikörper, die vom Immunsystem einer Person gebildet werden und sich gegen deren eigenes Gewebe und Organe richten.
Diese Studien legen nahe, dass eine abnorme Immunantwort, die vermutlich für die Entstehung dieser Autoantikörper verantwortlich ist, Long COVID zugrunde liegen könnte. Das Entfernen dieser Autoantikörper könnte daher als mögliche Behandlung vielversprechend sein.
COVID-19 bleibt eine fortdauernde Bedrohung
Trotz der überwältigenden Belege für die weitreichenden Risiken von COVID-19 vermitteln viele Botschaften den Eindruck, die Krankheit stelle keine Gefahr für die Öffentlichkeit mehr dar. Obwohl es dafür keine empirischen Belege gibt, hat sich diese Fehlinformation in der öffentlichen Debatte verbreitet.
Die Daten zeichnen jedoch ein anderes Bild.
COVID-19-Infektionen treten weiterhin häufiger auf als Grippefälle und führen zu mehr Krankenhausaufenthalten und Todesfällen als die Grippe. Darüber hinaus verursacht COVID-19 schwerwiegendere langfristige Gesundheitsprobleme. COVID-19 als belanglose Erkältung abzutun oder mit der Grippe gleichzusetzen, entspricht nicht der Realität.
Ziyad Al-Aly, Leiter für Forschung und Entwicklung, VA-Gesundheitssystem St. Louis; klinischer Epidemiologe, Washington University in St. Louis
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut aus The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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