Zum Inhalt springen

Knieschmerzen: Warum schweres Krafttraining statt Schonung helfen kann

Frau mit Kniebandage bei Krafttraining mit Langhantel, betreut von Physiotherapeutin im Therapiezentrum.

An einem grauen Dienstag im November erfüllt immer dieselbe Geräuschkulisse den Warteraum einer kleinen Physiotherapiepraxis am Stadtrand: Klettverschlüsse von Kniebandagen, Seufzer und das Rascheln von Versicherungsunterlagen. In einer Ecke reibt eine Frau Mitte fünfzig nervös ihre rechte Kniescheibe. Schwimmen hat sie schon versucht. Pilates ebenfalls. Ihr Hausarzt hatte ihr geraten, „aktiv zu bleiben, aber nicht zu viel zu machen“ – was für sie wie ein schlechter Witz klang.

Als ihr Name aufgerufen wird, hinkt sie ins Behandlungszimmer. Dreissig Minuten später kommt sie mit einem neuen Begriff im Wortschatz wieder heraus: „schweres Krafttraining“. Dazu erhält sie eine Warnung.

„Es wird wehtun. Genau darum geht es.“

Hinter ihr fällt die Tür ins Schloss – und die Diskussion beginnt.

Warum manche Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten heute auf Schmerz statt auf Schonung setzen

In Europa und den USA verabschieden sich immer mehr Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten vom klassischen Rat: „Schonen Sie das Knie, lassen Sie es ruhig angehen, machen Sie sanfte Übungen.“ Stattdessen verordnen sie etwas, das beinahe brutal klingt: Kniebeugen unter Last, Ausfallschritte, Beinpresse und Widerstandsübungen, die während der Einheit tatsächlich Schmerzen auslösen.

Für Menschen, denen jahrelang geraten wurde, Treppen und tiefe Kniebeugen zu vermeiden, ist das ein echter Schock. Dieser neue Ansatz wirkt wie eine Bestrafung.

Trotzdem sind diese Therapeutinnen und Therapeuten davon überzeugt.

Da ist etwa Marc, 47, Büroangestellter und früherer Wochenendläufer. Vier Jahre lang hatte er chronische Knieschmerzen, einen typischen Befund im Scanbericht – „frühe Arthrose“ – und die ernüchternde Empfehlung: „nur gelenkschonende Aktivitäten“. Er wechselte zum Schwimmen, machte Pilates-Videos im Internet, verlor etwas Muskulatur und sehr viel Selbstvertrauen. Die Schmerzen blieben.

Als sein neuer Physiotherapeut ihn aufforderte, mit einer Langhantel auf dem Rücken Kniebeugen zu machen, war seine erste Reaktion: „Bist du verrückt?“. In der ersten Einheit bewertete er die Schmerzen mit 6 von 10. Nach vier Wochen konnte er sich wieder auf einen niedrigen Stuhl setzen und davon aufstehen, ohne sich wie ein 90-Jähriger an den Armlehnen hochziehen zu müssen.

Die Schmerzen waren noch da, doch seine Angst hatte sich verändert.

Hinter dieser provokanten Strategie steckt eine einfache, unbequeme Idee: Gelenke werden nicht besser, wenn man sie in Watte packt. Die Muskulatur rund um das Knie, Sehnen, Bänder und selbst der Knorpel reagieren auf mechanische Belastung – auf mässige, kontrollierte und wiederholte Belastung.

Schwimmen und Pilates können sehr sinnvoll sein, belasten das Knie jedoch häufig nicht stark genug, um genau dort echte Kraft aufzubauen, wo sie zählt: beim Stehen, Gehen, Treppensteigen und Tragen des eigenen Körpergewichts. Viele Patientinnen und Patienten stellen fest, dass ihr Knie nicht nur schmerzt, sondern auch schwach, untrainiert und überbehütet ist.

Deshalb führen Therapeutinnen und Therapeuten die Betroffenen zunächst behutsam in jenen Bereich, in dem es zieht oder sticht. Nicht aus Grausamkeit, sondern um das Gewebe direkt anzusprechen.

Das umstrittene Protokoll: „schmerzhaft, aber sicher“?

Die Methode, die Fachleute spaltet, folgt einer klaren Regel: Schmerz ist erlaubt, sofern er innerhalb eines bestimmten Rahmens bleibt. Viele Protokolle arbeiten mit einer Skala von 0 bis 10: Während einer Übung darf der Schmerz auf 4, 5 oder manchmal 6 steigen; innerhalb der folgenden 24 Stunden sollte er wieder abklingen, ohne dass die Beschwerden aufflammen.

In den Einheiten werden Kniebeugen mit Festhalten an einer Stütze, langsames Herabsteigen von einer niedrigen Stufe, Beinpresse und isometrische Halteübungen kombiniert, bei denen man Druck erzeugt, ohne sich zu bewegen. Das sieht eher nach Krafttraining als nach sanfter Rehabilitation aus.

Die Therapeutin oder der Therapeut bleibt in der Nähe und beobachtet Gesichtsausdruck, Atmung und den zitternden Oberschenkel.

Man stelle sich Anna vor: 62 Jahre alt, ehemalige Krankenschwester, mit medialer Kniearthrose. Früher liebte sie die Gartenarbeit, heute vermeidet sie das Hinhocken, weil sie sagt: „Wenn ich einmal unten bin, weiss ich nicht, ob ich wieder hochkomme.“ Nach einer weiteren Runde mit Schmerzmitteln und Übungen im Schwimmbad macht ihr Physiotherapeut ihr ein anderes Angebot: acht Wochen progressives schweres Krafttraining.

In der ersten Einheit setzt sie sich lediglich mit verschränkten Armen auf eine niedrige Bank und steht wieder auf. Schmerz: 5/10, und sie flucht leise vor sich hin. In der zweiten Woche hält sie kleine Gewichte in den Händen. In der vierten Woche steigt sie langsam und kontrolliert von einer 15-cm-Stufe herunter. Nach acht Wochen kniet sie wieder am Gartenbeet. Manchmal tut es noch weh, aber sie hat deutlich weniger Angst.

Ihr MRT hat sich nicht verändert. Ihr Leben schon.

Aus biologischer Sicht ist dieser Ansatz nachvollziehbar. Knieschmerzen, insbesondere bei Arthrose und patellofemoralen Schmerzen, hängen nicht nur mit „Verschleiss“ zusammen. Entscheidend sind auch die Kraft und Koordination der Muskulatur, das Vertrauen des Gehirns und die Belastbarkeit des Gelenks. Leichte Bewegungen im Wasser beruhigen das System, und das kann hilfreich sein. Sie setzen jedoch nicht immer einen ausreichend starken Reiz, um echte Belastbarkeit aufzubauen.

Die Befürworterinnen und Befürworter von schwerem Krafttraining argumentieren, dass die beste Absicherung für ein schmerzendes Knie nicht Ruhe, sondern Kraft ist. Der Körper passt sich an die Anforderungen an, die regelmässig an ihn gestellt werden. Wer nur langsames Gehen auf ebenem Boden und ein paar sanfte Dehnungen auf der Matte verlangt, wird genau darauf vorbereitet sein.

Und wenn man dann zum Bus sprinten oder einen Koffer die Treppe hinauftragen muss, kommt die Rechnung.

Ein schmerzendes Knie belasten, ohne es zu überfordern

Wer diesen Weg ausprobieren möchte, sollte nicht als Erstes zu den schwersten Kurzhanteln im Fitnessstudio greifen. Zunächst gilt es herauszufinden, was das Knie heute verträgt. Ein einfacher Einstieg ist der Aufsteh-Hinsetz-Test.

Nehmen Sie einen Stuhl, idealerweise etwas niedriger als Ihr gewöhnlicher Stuhl. Verschränken Sie die Arme vor der Brust. Stehen Sie zehnmal langsam auf und setzen Sie sich wieder hin. Achten Sie auf Ihre Schmerzen auf einer Skala von 0 bis 10 – während der Bewegung und zwei Stunden später. Liegen Sie unter 5/10 und kehrt der Schmerz noch am selben Abend auf das Ausgangsniveau zurück, ist dies Ihre Einstiegsübung.

Führen Sie sie jeden zweiten Tag in 3 Sätzen mit jeweils 8–10 Wiederholungen und in kontrolliertem Tempo aus.

Die häufigste Falle: zu früh zu viel wollen. Man spürt eine kleine Verbesserung, wird euphorisch und verdoppelt plötzlich das Gewicht oder nimmt am selben Tag zusätzlich Treppen und Ausfallschritte dazu. Zwei Tage später ist das Knie wärmer, geschwollen und gereizt, und man verflucht den ganzen Trend zum „schmerzhaften Training“.

Seien wir ehrlich: Niemand schafft das wirklich jeden einzelnen Tag genau so, wie es auf dem ausgehändigten Merkblatt steht. Das Leben kommt dazwischen, der Schlaf ist schlecht, die Motivation sinkt. Ein realistischer Plan verkraftet ausgelassene Einheiten und langsame Fortschritte.

Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern Steigerung. Erhöhen Sie den Schwierigkeitsgrad erst dann, wenn das aktuelle Niveau machbar ist, die Schmerzen unter Kontrolle bleiben und kein Aufflammen über 48 Stunden folgt.

Viele Therapeutinnen und Therapeuten erklären die Regel inzwischen so: „Schmerz ist ein Geräusch, kein Feueralarm.“ Sie ermutigen ihre Patientinnen und Patienten, hinzuhören statt in Panik zu geraten. Dafür braucht es Vertrauen und klare Grenzen.

„Menschen hören ‚Sie müssen das Knie belasten‘ und übersetzen das mit ‚ohne Schmerz kein Erfolg‘“, sagt Laura, Sportphysiotherapeutin in Lyon. „Das sagen wir nicht. Wir sagen: Ein gewisses Mass an Schmerz ist akzeptabel, aber wir stimmen die Dosis ab. Bleiben Ihre Schmerzen zwei Tage lang stark, haben wir die Grenze überschritten.“

  • Schmerzfenster: Während der Übung sollten Beschwerden ungefähr bei 3–5/10 liegen, nicht bei unerträglichen Schmerzen.
  • 24-Stunden-Regel: Halten Schmerzspitzen länger als bis zum folgenden Tag an, war die Einheit zu intensiv oder zu lang.
  • Nur eine Veränderung zugleich: Passen Sie entweder das Gewicht, die Wiederholungszahl oder die Bewegungstiefe an – nicht alle drei Faktoren gleichzeitig.
  • Abstützen ist erlaubt: Sich an einem Tisch, Geländer oder an der Wand festzuhalten, ist kein „Schummeln“, sondern eine Strategie.
  • Erholung gehört zum Training: Das Gewebe baut sich an Ruhetagen wieder auf, nicht während der Belastung.

Zwischen Angst und Fortschritt: die eigene Grenze finden

Die Hinwendung zu belastender, teils schmerzhafter Rehabilitation wirft eine schwierige Frage auf: Was macht uns mehr Angst – das Gefühl von Schmerz oder die Vorstellung, unsere Bewegungsfreiheit zu verlieren? Viele Patientinnen und Patienten sagen, sie hätten „Angst, es schlimmer zu machen“, verzichten aber bereits auf Treppen, Spaziergänge und Hobbys. Zwischen Schutz und Selbstsabotage verläuft eine schmale Grenze.

Einige nehmen diesen neuen Ansatz begeistert an und fühlen sich wieder stark, andere fühlen sich verraten, als würde ihr Leiden nicht ernst genommen. Beide Reaktionen sind berechtigt. Ein reales Risiko gibt es: Schlecht angeleitete Belastung ohne klare Regeln und Nachkontrolle kann die Beschwerden verschlimmern, und der Körper hat Grenzen.

Gleichzeitig bringt es die Freude an spontaner Bewegung nur selten zurück, das Knie in Luftpolsterfolie einzuwickeln.

Die Frage lautet daher vielleicht nicht: „Ist diese Methode gut oder schlecht?“, sondern: „Welche Dosis an Unbehagen bin ich bereit, mit welcher Unterstützung und für welchen möglichen Gewinn auszuprobieren?“ Für manche lautet die Antwort klar nein, und das ist in Ordnung. Für andere gewinnt die Neugier: Sie wählen lieber sechs Wochen strukturierte Anstrengung als zehn weitere Jahre, in denen sie Hügel meiden.

Ein ausgewogener Weg liegt irgendwo zwischen dem alten Rezept „einfach ausruhen und schwimmen“ und dem machohaften Mantra „einfach alles durchziehen“. Der Körper ist weder ein zerbrechlicher Gegenstand noch eine Maschine. Er ist ein lebendiges System, das mit Belastung verhandelt, sich anpasst und manchmal laut protestiert.

Letztlich gestaltet jeder Mensch seinen eigenen Vertrag mit den Knien – Wiederholung für Wiederholung.

Kernpunkt Detail Nutzen für Leserinnen und Leser
Belastung kann helfen Kontrolliertes, progressives Krafttraining rund um das Knie kann Schmerzen verringern und die Funktion verbessern Eröffnet eine neue Möglichkeit, wenn „sanfte“ Übungen den Alltag nicht verändert haben
Schmerz hat ein sicheres Fenster Beschwerden bis 4–5/10 sind oft akzeptabel, wenn sie innerhalb von 24 Stunden abklingen Liefert eine konkrete Regel, um einzuschätzen, ob eine Übung schadet oder hilft
Fortschritt muss schrittweise erfolgen Verändern Sie jeweils nur eine Variable und beachten Sie Ruhetage Verringert das Risiko von Beschwerden-Schüben und erhält die Motivation über Wochen

Häufige Fragen:

  • Ist jeder Schmerz beim Training ein Zeichen dafür, dass ich mein Knie schädige?
    Nicht unbedingt. Bei vielen chronischen Knieproblemen sind leichte bis mässige Schmerzen während des Trainings zu erwarten und können sicher sein, wenn sie sich in den folgenden 24 Stunden nicht verschlimmern. Anhaltend zunehmende Schmerzen, Schwellungen oder Funktionsverlust sind Warnzeichen, die professionell abgeklärt werden müssen.

  • Sind Schwimmen oder Pilates bei Knieschmerzen nutzlos?
    Keineswegs. Sie können Beweglichkeit, Durchblutung, allgemeine Fitness und Selbstvertrauen fördern. Das Problem ist, dass sie oft nicht genügend Belastung bieten, um Kraft für Alltagsaufgaben wie Treppensteigen, Steigungen oder das Tragen von Gewicht wieder aufzubauen. Deshalb müssen sie möglicherweise mit gezieltem Krafttraining kombiniert werden.

  • Kann ich im Fitnessstudio selbst mit schwerem Krafttraining anfangen?
    Sie können mit Übungen mit dem eigenen Körpergewicht beginnen, etwa Aufstehen und Hinsetzen, flachen Kniebeugen mit Festhalten an einer Stütze oder Aufsteigen auf eine niedrige Stufe. Bei schwereren Übungen wie Beinpresse, Kniebeugen mit Gewicht oder Ausfallschritten ist es sicherer, sich zumindest für einige Einheiten von einer Physiotherapeutin, einem Physiotherapeuten oder einer erfahrenen Trainerin beziehungsweise einem erfahrenen Trainer anleiten zu lassen, die oder der sich mit schmerzenden Knien auskennt.

  • Was ist, wenn mein Knie stark geschwollen ist oder manchmal blockiert?
    Schwellungen, Blockieren oder Wegknicken können auf strukturelle Probleme wie Meniskusrisse oder deutliche Arthrose-Schübe hinweisen. In solchen Fällen muss die Belastung sorgfältig angepasst werden; vor Beginn eines „schmerzhaften“ Protokolls ist eine medizinische Untersuchung notwendig.

  • Wie lange dauert es, bis ich echte Veränderungen an meinem Knie bemerke?
    Die meisten strukturierten Programme dauern 6 bis 12 Wochen und umfassen 2 bis 3 Einheiten pro Woche. Manche Menschen bemerken nach zwei Wochen Unterschiede beim Selbstvertrauen und bei der Bewegungskontrolle, doch Veränderungen bei Kraft und Schmerzintensität zeigen sich gewöhnlich erst nach einem Monat oder später deutlicher. Geduld und Regelmässigkeit zählen mehr als Intensität.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen