Der Ruf der Mikrowelle ist schlecht: Sie gilt als praktisch, soll Vitamine und Nährstoffe jedoch massiv schädigen. Viele Eltern verzichten bei Mahlzeiten für Kinder darauf, während Fitnessbegeisterte lieber Herd oder Dampfgarer nutzen. Ernährungsmediziner sowie internationale Behörden haben die Frage eingehend untersucht – und ihre Ergebnisse dürften manche Erwartungen widerlegen.
Was Studien über die Mikrowelle tatsächlich belegen
Seit Jahren vergleichen Ernährungswissenschaftler unterschiedliche Zubereitungsarten, darunter Kochtopf, Dampfgarer, Backofen und Mikrowelle. Besonderes Augenmerk liegt auf empfindlichen Vitaminen wie Vitamin C und Folsäure (Vitamin B9) – also genau auf den Nährstoffen, die gesundheitsbewussten Menschen häufig Sorgen bereiten.
Bei der Nährstoffbilanz entscheidet vor allem Hitze, Garzeit und Wassermenge – nicht die Mikrowelle an sich.
Die Studienlage zeigt: Ob im Topf, Backofen oder in der Mikrowelle gegart wird, hitzeempfindliche Vitamine gehen bei jeder Methode teilweise verloren. In einigen Untersuchungen sank ihr ursprünglicher Gehalt unabhängig vom verwendeten Gerät bei allen Verfahren um bis zu zwei Drittel.
Im direkten Vergleich ergeben sich jedoch interessante Unterschiede: Die Mikrowelle erzielt häufig überraschend gute Werte. Eine Auswertung zur Erhaltung von Vitamin C in Gemüse zeigte beispielsweise:
- Dämpfen unter Druck: rund 72 % Vitamin C erhalten
- Garen in der Mikrowelle: rund 65 % Vitamin C erhalten
- Kochen in viel Wasser: rund 59 % Vitamin C erhalten
Brokkoli ist ein bekanntes Beispiel dafür. Beim Kochen in Wasser büßt er mehr als 30 % seines Vitamin-C-Gehalts ein. Wird er für eine vergleichbare Zeit in der Mikrowelle gegart, lagen die Verluste in Studien bei nur etwa 16 %.
Fachübersichten, die mehrere Untersuchungen zusammenfassen, kommen deshalb zu einem eindeutigen Ergebnis: Im Durchschnitt gibt es zwischen herkömmlichen Garmethoden und der Mikrowelle keine gravierenden Unterschiede bei der Nährstoffbilanz. Teilweise bleiben in der Mikrowelle sogar etwas höhere Mengen erhalten, darunter Anteile von Vitamin C und B-Vitaminen.
So arbeitet die Mikrowelle – und was sie nicht bewirkt
Dennoch besteht weiterhin die Befürchtung, Lebensmittel würden durch „strahlendes Essen“ belastet. Die Funktionsweise des Geräts macht deutlich, weshalb diese Sorge unbegründet ist.
Ein Mikrowellenherd erzeugt elektromagnetische Wellen einer bestimmten Frequenz. Sie versetzen insbesondere die Wassermoleküle in der Speise in Bewegung. Diese Bewegung erzeugt Wärme, sodass sich das Essen von innen nach außen erwärmt.
Mikrowellenstrahlung in Haushaltsgeräten ist nicht ionisierend und macht Lebensmittel nicht radioaktiv.
Die Energie dieser Strahlung reicht weder aus, um DNA zu verändern, noch um Atome zu ionisieren. Damit unterscheidet sie sich grundsätzlich von Röntgenstrahlung und radioaktiver Strahlung. Nach dem Ausschalten des Geräts sind die Wellen nicht mehr vorhanden; eine „Reststrahlung“ verbleibt nicht im Lebensmittel.
Die Weltgesundheitsorganisation und nationale Behörden bewerten die Nutzung als sicher, wenn das Gerät unbeschädigt ist, die Tür ordnungsgemäß schließt und die Anwendungshinweise eingehalten werden.
Was Nährstoffe tatsächlich beeinträchtigt
Entscheidend für Vitamine und andere Nährstoffe sind vor allem diese Faktoren:
- Temperatur: Mit steigender Temperatur nimmt der Abbau zu.
- Dauer: Langes, langsames Köcheln führt zu höheren Vitaminverlusten.
- Wasser: Viele wasserlösliche Vitamine und Mineralstoffe gehen in das Kochwasser über.
Gerade hier bietet die Mikrowelle Vorteile. Sie erhitzt Lebensmittel rasch und benötigt oft nur wenig zusätzliches Wasser. Das spart nicht nur Zeit, sondern kann auch Nährstoffverluste reduzieren. Mineralstoffe wie Kalium, Magnesium und Eisen sind gegenüber Hitze insgesamt relativ stabil. Sie gehen vor allem dann verloren, wenn das Kochwasser anschließend weggegossen wird. Bei der Zubereitung in der Mikrowelle ist dieser Effekt deutlich schwächer.
Eiweiße und Ballaststoffe reagieren auf Mikrowellenhitze ähnlich wie beim Kochen oder Backen. Zwar denaturiert die Struktur der Proteine, doch das geschieht bei jeder Gartechnik und verbessert meist sogar die Verdaulichkeit.
Mikrowelle nährstoffschonend verwenden
Wer die Vorteile der Mikrowelle gezielt nutzen möchte, kann mit einigen einfachen Maßnahmen viel erreichen.
Geeignete Behälter für die Mikrowelle auswählen
Fachgremien empfehlen eindeutig bestimmte Materialien:
- Glas – hitzebeständig, geschmacksneutral und leicht zu reinigen
- Keramik – problemlos, sofern sie keine Metallverzierungen aufweist
- Kennzeichnungsgeprüfter Kunststoff – ausschließlich bei ausdrücklicher Markierung als mikrowellengeeignet
Nicht jeder Kunststoffbehälter ist für die regelmäßige Nutzung in der Mikrowelle geeignet. Durch Hitze können sich Weichmacher oder andere Substanzen lösen. Gesundheitsbehörden beobachten diese Risiken und empfehlen, nicht gekennzeichnete Kunststoffdosen nicht zum Erhitzen einzusetzen.
Garzeit und Wassermenge richtig steuern
Für Gemüse bietet sich ein besonders sparsames Vorgehen an:
- Nur eine kleine Menge Wasser in den Behälter geben – häufig genügen ein bis zwei Esslöffel.
- Den Behälter mit Deckel oder einer Mikrowellenhaube verschließen, damit der Dampf darin bleibt.
- Gemüse möglichst gleich groß schneiden, damit alle Stücke gleichmäßig gar werden.
- In kurzen Abschnitten erhitzen und zwischendurch kontrollieren, ob das Gemüse bereits bissfest ist.
Sobald das Gemüse zart, aber noch nicht matschig ist, stoppen viele Vitaminverluste.
Je länger ein Gericht in der Mikrowelle erhitzt wird, desto stärker nimmt sein Vitamingehalt ab. Besonders bei kleinen Portionen wird die erforderliche Zeit häufig deutlich überschätzt.
Aufwärmen: Wie oft ist vertretbar?
Auch beim Erwärmen bereits zubereiteter Speisen spielt der Nährstoffgehalt eine Rolle. Jede weitere Runde in der Mikrowelle verringert die noch vorhandenen Vitamine erneut. Ernährungsexperten raten deshalb:
- Ein Gericht nur einmal vollständig garen.
- Beim Aufwärmen lediglich die Menge erhitzen, die tatsächlich gegessen wird.
- Reste möglichst schnell kühlen und nicht über Stunden bei Raumtemperatur stehen lassen.
Für die Lebensmittelsicherheit ist zudem ein weiterer Schritt sinnvoll: Das Essen nach dem Erhitzen kurz ruhen lassen, umrühren und kontrollieren, ob es auch im Inneren ausreichend heiß ist. Dadurch lassen sich „kalte Nester“ verhindern, in denen Keime überleben könnten.
Wann die Mikrowelle passt – und wann nicht
Besonders geeignet ist die Mikrowelle für:
- Gemüse mit kurzer Garzeit, etwa Brokkoli, Karotten, Erbsen und Paprika
- Reis- und Nudelreste, die mit etwas Wasser wieder locker werden
- vorbereitete Eintöpfe und Suppen
- Haferschleim oder Grießbrei, die schonend erwärmt werden sollen
Weniger geeignet ist sie für panierte Speisen, die knusprig bleiben sollen, sowie für sehr große Fleischstücke. In diesen Fällen liefern Backofen, Pfanne oder Grill häufig bessere Ergebnisse bei Geschmack und Textur. Die Nährstofffrage ist dann meist weniger wichtig als die gewünschte Konsistenz.
Mikrowelle im Alltag: Risiken, Nutzen und Irrtümer
Ein weitverbreiteter Irrtum lautet: „Mikrowellen zerstören alle Vitamine, also lieber kalt essen.“ Das entspricht nicht den Fakten. Rohkost enthält zwar oft viele Vitamine, doch viele Gemüsesorten werden durch Garen erst gut bekömmlich. Einige Stoffe, beispielsweise bestimmte Carotinoide aus Möhren oder Tomaten, kann der Körper aus erhitztem Gemüse sogar besser aufnehmen.
Ein weiterer Irrglaube lautet: „Mikrowellenstrahlung bleibt im Essen und belastet den Körper.“ Technisch lässt sich diese Annahme nicht halten. Sobald das Gerät stoppt, ist die Strahlung verschwunden. Im Lebensmittel bleibt lediglich Wärme zurück – genauso wie nach dem Erhitzen im Kochtopf.
Wer mögliche gesundheitliche Risiken möglichst gering halten will, sollte vor allem diese Punkte beachten:
- Das Gerät regelmäßig kontrollieren, die Türdichtung sauber halten und Beschädigungen ernst nehmen.
- Keine Metallgegenstände in der Mikrowelle verwenden.
- Lebensmittel nicht in dünnen, verformbaren Kunststoffverpackungen erhitzen, wenn diese nicht dafür zugelassen sind.
Für Menschen mit wenig Zeit, Familien mit vielen Resten oder Singles, die nur selten kochen, kann die Mikrowelle ein nützlicher Bestandteil einer einigermaßen gesunden Ernährung sein – sofern der Teller passend gefüllt ist: mit Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkorn und moderaten Fettmengen.
Wer Garzeiten richtig einschätzen lernt und Wasser, Behälter sowie Portionsgrößen bewusst auswählt, verwendet die Mikrowelle nicht als „Vitamingrab“, sondern als praktisches Hilfsmittel, das Nährstoffe eher bewahren als zerstören kann. Entscheidend ist also weniger das Gerät selbst als seine richtige Anwendung.
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