Plötzlich auftretende Schmerzen, ungewöhnliche Beschwerden oder ein unbekannter Begriff in einem Befund reichen oft aus, um Neugier auszulösen. Dann liegt es nahe, zuerst im Internet nach Antworten zu suchen. Nach Angaben von Google betrifft eine von 20 Suchanfragen auf der Plattform Gesundheitsthemen. Dieser einfache Zugang zu Informationen kann zwar hilfreich sein, birgt aber auch die Gefahr falscher Deutungen: Nicht alles im Netz ist verlässlich oder wissenschaftlich belegt.
„In der medizinischen Praxis erleben wir immer häufiger, dass Patientinnen und Patienten bereits mit einer Diagnosevermutung in die Sprechstunde kommen, die auf Online-Recherchen beruht. Oft verstärkt die Informationssuche die Ängste. Denn einfache Symptome können in Suchmaschinen mit schweren Erkrankungen verknüpft werden, sodass Betroffene glauben, ein weitaus ernsteres Problem zu haben, als tatsächlich vorliegt“, warnt Inês Bissoli, Ärztin und Leiterin der Intensivstation des Hospital Badim.
Risiken der Selbstdiagnose
Die Folgen einer Selbstdiagnose beschränken sich nicht auf übermässige Sorge. „Der Glaube an falsche Informationen kann dazu führen, dass medizinische Hilfe später in Anspruch genommen wird und sich damit auch der Beginn der richtigen Behandlung verzögert“, mahnt die Ärztin.
Ein Arztbesuch ist daher entscheidend, um Komplikationen vorzubeugen. „Bei Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Bluthochdruck macht eine frühe Diagnose beispielsweise einen entscheidenden Unterschied für die Kontrolle der Erkrankung und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten. Werden Symptome übersehen oder falsch gedeutet, kann sich der Zustand unbemerkt verschlechtern und schwere Komplikationen verursachen“, ergänzt Inês Bissoli.
Wenn die Selbstdiagnose die Behandlung behindert
Eine weitere Herausforderung für Gesundheitsfachkräfte entsteht, wenn Patientinnen und Patienten von einer bestimmten Diagnose überzeugt sind und ärztliche Empfehlungen ablehnen. „In manchen Fällen verweigern sie ergänzende Untersuchungen, weil sie diese für unnötig halten, oder sie stellen eine Medikamentenverordnung infrage, weil sie meinen, im Internet eine bessere Lösung gefunden zu haben. Dann ist der Dialog besonders wichtig. Die Arzt-Patienten-Beziehung beruht auf Vertrauen, und ein offenes Gespräch, das Fragen klärt und die Gründe für jede Massnahme erläutert, ist unerlässlich für eine sichere und wirksame Behandlung“, erklärt die Leiterin der Intensivstation des Badim.
Häufig suchen auch Menschen online nach Erklärungen, nachdem sie verschiedene Fachärztinnen und Fachärzte aufgesucht haben, ohne eine eindeutige Ursache für ihre Beschwerden zu erhalten. Diese Reaktion ist verständlich, ersetzt jedoch keine klinische Untersuchung. Jeder Mensch hat individuelle Eigenschaften, eine eigene Krankengeschichte und persönliche Bedürfnisse, die nur qualifizierte Fachkräfte umfassend beurteilen können. Bei Unsicherheiten, anhaltenden Symptomen oder Veränderungen des Körpers bleibt ärztlicher Rat die beste Antwort.
Vertrauenswürdige Quellen helfen, Information von Desinformation zu trennen
Internetrecherchen erfordern Vorsicht, können aber nützlich sein, wenn sie kritisch erfolgen und auf zuverlässige Quellen ausgerichtet sind. „Wenn die Suche über vertrauenswürdige Quellen erfolgt, kann sie Patientinnen und Patienten helfen, ihren Zustand besser zu verstehen, sich aktiver an Therapieentscheidungen zu beteiligen und mit konkreteren Fragen zum Termin zu kommen“, meint die Ärztin.
Verlässliche Gesundheitsinformationen im Internet finden
Sie empfiehlt, Informationen in glaubwürdigen Datenbanken und bei anerkannten Gesundheitseinrichtungen zu suchen, etwa bei der Stiftung Oswaldo Cruz (Fiocruz), renommierten Pharmaunternehmen, Forschungszentren, medizinischen Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen.
„Das sind verlässliche Websites, die in der Regel hochwertige Inhalte auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse bereitstellen. Das Problem liegt in der riesigen Menge an Informationen ohne fachliche Grundlage, die im Internet kursieren und häufig alarmistisch sowie sensationsheischend aufbereitet sind“, schliesst sie.
Von Alessandra Eckstein
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