Der Weg zur Besserung ist häufig mit unangenehmen Momenten verbunden – doch der Aufwand kann sich lohnen. Weshalb das so ist, erklären wir hier.
Nach Angaben des Vidal unterscheiden sich Phobien von gewöhnlicher Angst: Das Nachschlagewerk beschreibt sie als „eine Form von Angststörungen, bei der sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt, eine Situation oder eine Aktivität richtet, die diese Reaktion nicht rechtfertigt“. Theoretisch gibt es unbegrenzt viele Phobien. Manche sind weithin bekannt, etwa die Angst vor Spinnen, Höhen, Schlangen, Flügen oder Hunden. Andere sind weniger geläufig, beispielsweise die Furcht einzuschlafen, Angst vor Sonne oder Licht – oder sogar die Angst vor der Angst selbst. Das zeigt: Eine Phobie muss nicht auf einer tatsächlichen Gefahr beruhen. Je nach Person kann beinahe alles eine unverhältnismäßig starke Angst auslösen.
Wird die betroffene Person durch ihre Phobie dazu veranlasst, Ausweichstrategien zu entwickeln, um dem gefürchteten Gegenstand oder der Situation nicht begegnen zu müssen, gilt sie als behandlungsbedürftig. Deshalb stellt sich die Frage, ob eine Heilung möglich ist, denn jeder krankhafte Zustand erfordert per Definition eine therapeutische Begleitung. Jill Ehrenreich-May, Professorin für Psychologie an der Universität Miami, sprach mit dem US-Medium Futurity über dieses Thema. Hier folgt eine kurze Zusammenfassung des Interviews.
Warum das Gehirn seine eigenen Monster erschafft
Jill Ehrenreich-Mays Definition einer Phobie unterscheidet sich kaum von der bereits genannten. Die Expertin versteht darunter „eine Angstintensität gegenüber einem Objekt oder einer Situation, die im Verhältnis zur realen Gefahr völlig unverhältnismäßig ist. Sie löst meist eine Kampf-oder-Flucht-Reaktion, Paniksymptome sowie extremes Vermeidungsverhalten oder andere Strategien aus, mit denen man sich der Situation entziehen möchte. Zur Phobie wird Angst allerdings erst dann, wenn diese Schutzmechanismen den Alltag schließlich beeinträchtigen“. Dabei ist ein Punkt entscheidend: Eine Phobie ist eine Einschränkung, keine Emotion.
Zwar können manche Phobien nach einem traumatischen Erlebnis entstehen, doch das trifft nicht immer zu. Es kommt vor, dass Menschen unter einer Phobie leiden, obwohl sie in ihrem bisherigen Leben kein entsprechendes traumatisches Ereignis erlebt haben.
Auch Vererbung kann eine Rolle spielen, selbst wenn es keine Gene gibt, die etwa die Angst vor Spinnen oder Schlangen festschreiben. Treffender ist die Annahme, dass wir die emotionale Unbeständigkeit unserer Eltern erben oder ihr Verhalten nachahmen können. Sieht ein Kind zum Beispiel regelmäßig, wie Mutter oder Vater beim Anblick einer Maus auf einen Stuhl springt, kann es lernen, dieses Tier als Bedrohung einzustufen. Jill Ehrenreich-May ergänzt: „Es ist auch möglich, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder Ihre Art, die Welt wahrzunehmen, auf Eigenschaften zurückgehen, die Sie von Ihren Eltern geerbt haben. Manche Menschen haben beispielsweise ein ängstliches Temperament, sodass sie bestimmte Situationen als viel gefährlicher einschätzen können, als sie tatsächlich sind.“
Ist eine vollständige Heilung von einer Phobie möglich?
Die kurze Antwort lautet: ja. Unser Gehirn ist erfreulicherweise ein bemerkenswert leistungsfähiges Organ mit ausgeprägter neuronaler Plastizität. Es kann also neuronale Verknüpfungen, die krankhafte Angst aufrechterhalten, wieder verlernen und stattdessen neue automatische Reaktionen entwickeln, die zur Beruhigung führen.
Heute werden Phobien vor allem mit einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) behandelt. Dabei sollen Desensibilisierungsübungen die körperliche Panikreaktion abschwächen. Betroffene nähern sich ihrer Phobie schrittweise und sehr behutsam in Situationen an, die dem Auslöser immer ähnlicher werden. Das Ziel besteht weniger darin, die Phobie vollständig verschwinden zu lassen, sondern vielmehr darin, nicht länger ihr Gefangener zu sein.
Kognitive Verhaltenstherapie bei Phobien
Eine auf Phobien ausgerichtete KVT kann unterschiedliche Formen annehmen, abhängig von der Erfahrung der therapeutischen Fachperson und der Empfindlichkeit des Patienten. Möglich sind virtuelle Realität in der Praxis, um belastende Situationen nachzustellen, In-vivo-Übungen, bei denen Patient und Therapeut gemeinsam an den betreffenden Ort gehen, sowie Psychoedukation zum biologischen Funktionieren des Gehirns. Auch das Erlernen von Herzkohärenz oder progressiver Muskelentspannung kann dazugehören.
Seit den 1950er-Jahren hat sich die Zahl der Desensibilisierungsmethoden stark erhöht. Ihre Erfolgsquote hat dazu beigetragen, dass die KVT heute als Standardbehandlung bei Angststörungen gilt. So unterschiedlich die therapeutischen Ansätze auch sind, sie verfolgen alle dasselbe Prinzip: mit dem Unbehagen umzugehen, das durch den Auslöser der Phobie entsteht. Jill Ehrenreich-May erklärt: „Der wichtigste Teil einer wirksamen Behandlung besteht darin zu lernen, dass Sie dieses Unbehagen bewältigen können, auch wenn Sie Angst haben – solange Sie in Sicherheit sind.“
Wann professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Wer eine ausgeprägte Angst vor Haien hat, aber weit entfernt von der Küste lebt und nicht gern schwimmt, kann durchaus ein ganz normales Leben führen. Mussten Sie sich jedoch mehrfach im Leben einen Genuss versagen oder einer Situation aus dem Weg gehen, die Ihnen hätte guttun können, kann eine KVT sinnvoll sein. Als ersten Schritt können Sie einen Termin in einer hausärztlichen Praxis vereinbaren, um eine erste Einschätzung zu erhalten und gegebenenfalls eine allgemeinere Angststörung auszuschließen. Falls sich herausstellt, dass Ihre Phobie tatsächlich behandelt werden sollte und Sie selbst diesen Wunsch haben, sollten Sie sich an einen Psychologen oder Psychiater wenden, der der AFTCC angehört (Französische Vereinigung für kognitive Verhaltenstherapie). Über deren offizielle Website lässt sich mithilfe des nationalen Verzeichnisses eine zertifizierte therapeutische Fachperson in Ihrer Nähe finden. Natürlich ist das nicht kostenlos, doch die Investition lohnt sich wirklich: Einige Sitzungen zu bezahlen, ist besser, als den Rest des Lebens eine Last mit sich herumzutragen, von der die Psychotherapie Sie innerhalb weniger Monate befreien kann.
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