Noch nie war es so einfach, Zugang zu Informationen zu erhalten. Zu wissen, wem man vertrauen kann, bleibt hingegen eine Herausforderung. Schon nach wenigen Minuten Online-Recherche zu Gesundheitsthemen können Dutzende unterschiedliche Antworten auf dasselbe Symptom, dieselbe Behandlung oder Präventionsgewohnheit erscheinen. Das Problem: Nicht alle davon sind richtig, und Fakten von Meinungen oder Desinformation zu unterscheiden, erfordert häufig mehr als eine Internetsuche.
Die von der globalen Kommunikationsberatung Edelman veröffentlichte Studie „2026 Edelman Trust Barometer Special Report: Trust and Health“ zeigte, dass 70 % der Menschen mindestens einer falschen oder wissenschaftlich nicht belegten Gesundheitsinformation glauben. Unter den Brasilianerinnen und Brasilianern geben lediglich 52 % an, der eigenen Fähigkeit zu vertrauen, verlässliche Antworten zu finden und Entscheidungen über die eigene Gesundheit zu treffen.
Vor diesem Hintergrund warnen Ärztinnen und Ärzte vor einem zunehmend verbreiteten Phänomen: der Infodemie. Sie bezeichnet den Überfluss an Informationen – unabhängig davon, ob diese wahr sind oder nicht –, der den Zugang zu vertrauenswürdigen Inhalten erschwert und wichtige Entscheidungen zu Prävention, Impfungen, Diagnose und Behandlung beeinflussen kann.
Laut Alexandre Pimenta, Arzt und national medizinisch Verantwortlicher von AmorSaúde, einem Netzwerk von Partnerkliniken der Cartão de TODOS, bleibt Information ein wichtiger Verbündeter für die Gesundheit – vorausgesetzt, sie ist qualitativ hochwertig. „Wir leben in einer Zeit, in der wir noch nie so viel Zugang zu Gesundheitsinformationen hatten. Das ist positiv, wenn wir verlässliche Quellen nutzen. Problematisch wird es, wenn wir täglich Hunderte Informationen erhalten, die oft unvollständig, alarmistisch oder widersprüchlich sind“, sagt er.
Von Cyberchondrie bis Desinformation: Wann kann die Informationssuche schaden?
Noch bevor sie ärztliche Hilfe suchen, recherchieren viele Menschen Symptome im Internet. Zwar kann dieses Vorgehen dabei helfen, Fragen zu klären, doch eine übermässige Suche kann den gegenteiligen Effekt haben: Sie verstärkt Ängste und kann zu falschen Einschätzungen des eigenen Gesundheitszustands führen.
Alexandre Pimenta zufolge begegnet dieses Verhalten in Arztpraxen immer häufiger. „Wir sehen regelmässig Menschen, die stundenlang Symptome online recherchieren und am Ende überzeugt sind, an schweren Krankheiten zu leiden. Dieses Verhalten wird als Cyberchondrie bezeichnet und ist durch eine zunehmende Angst infolge exzessiver Online-Suchen nach medizinischen Informationen gekennzeichnet“, erklärt er.
Der Arzt erläutert, dass das Gehirn Informationen, die Angst auslösen, eher Aufmerksamkeit schenkt. „Häufige Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Bauchbeschwerden können als Anzeichen schwerer Erkrankungen gedeutet werden, wenn sie ausserhalb eines klinischen Zusammenhangs betrachtet werden. Entscheidend ist, hochwertige Informationen zu nutzen, die Zeit für Krankheitsrecherchen zu begrenzen und sich bewusst zu machen, dass kein Internetinhalt eine individuelle ärztliche Untersuchung ersetzt. Informationen sollten Zweifel verringern, nicht Leiden verstärken.“
Auswirkungen des Informationsüberflusses
Die Fülle an Informationen verändert auch den Ablauf von Arztterminen. Früher kamen viele Patientinnen und Patienten ohne Kenntnisse über ihre eigene Erkrankung in die Praxis. Heute treffen Ärztinnen und Ärzte häufig auf Menschen, die sich vor dem Termin mit zahlreichen Inhalten beschäftigt haben – nicht immer aus glaubwürdigen Quellen.
„Heute behandeln wir viele gut informierte, aber auch viele verunsicherte Patientinnen und Patienten. Oft kommen sie, nachdem sie Dutzende Videos gesehen, Influencern gefolgt oder an Gruppen in sozialen Netzwerken teilgenommen haben, in denen jede Person eine andere Meinung vertritt“, erläutert Alexandre Pimenta. In der klinischen Praxis kann diese Situation zu Unsicherheit gegenüber der Diagnose, Widerstand gegen die verordnete Behandlung, einem frühzeitigen Abbruch der Therapie und der Suche nach vermeintlichen „Wundermitteln“ führen.
Der Arzt nennt Beispiele, die im klinischen Alltag inzwischen häufig vorkommen. „Patientinnen und Patienten kommen überzeugt davon, schwere Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu haben, weil sie Videos in sozialen Netzwerken gesehen haben. Nach einer angemessenen Untersuchung stellen wir jedoch fest, dass es sich lediglich um funktionelle Darmveränderungen oder ungünstige Ernährungsgewohnheiten handelt“, betont er.
Ein weiteres Beispiel des Fachmanns betrifft Medikamente zur Gewichtsabnahme. „Viele Menschen beginnen oder beenden Behandlungen aufgrund von Berichten anderer Personen, ohne ärztliche Untersuchung. Dadurch steigt das Risiko unerwünschter Wirkungen erheblich“, warnt er.
Die Risiken von Desinformation für die Gesundheit
Über die Verwirrung hinaus kann der Glaube an falsche Informationen nach Ansicht von Alexandre Pimenta sowohl die Diagnosestellung als auch die Gesundheitsvorsorge beeinträchtigen. „In der Medizin bedeutet Zeit häufig Prognose. Ein Patient, der die Diagnose einer Krebserkrankung beispielsweise hinauszögert, kann eine wichtige Chance auf eine kurative Behandlung verlieren“, warnt der Arzt.
Eine Diagnose darf nicht allein anhand von Informationen aus dem Internet gestellt werden. „Sehr häufig hören wir Sätze wie: ‚Ich habe im Internet recherchiert und dachte, es sei nur eine Gastritis‘ oder ‚Ich habe ein Video gesehen, in dem gesagt wurde, man müsse nur ein bestimmtes Nahrungsergänzungsmittel einnehmen‘. Das Problem besteht darin, dass ähnliche Symptome auf vollkommen unterschiedliche Erkrankungen hinweisen können“, ergänzt er.
Der Arzt betont, dass nur ein Arzttermin eine vollständige Einschätzung des Gesundheitszustands ermöglicht. „Erst die ärztliche Beurteilung kann Krankengeschichte, körperliche Untersuchung, Risikofaktoren und ergänzende Untersuchungen, wenn sie tatsächlich notwendig sind, zusammenführen. Viele Menschen verbringen Wochen oder Monate damit, Beschwerden selbst lösen zu wollen, obwohl sie frühzeitig hätten abgeklärt werden sollen. Das Internet kann für die Gesundheitsbildung hervorragend sein, darf aber niemals das klinische Denken ersetzen“, unterstreicht er.
Dem Fachmann zufolge begünstigt vor allem die emotionale Wirkung die Verbreitung von Falschmeldungen. „Falsche Informationen verwenden häufig emotionale Sprache, Versprechen einer ‚endgültigen Heilung‘ oder Verschwörungstheorien, die das Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen untergraben. Wissenschaft entwickelt sich gerade deshalb weiter, weil sie ihre Erkenntnisse fortlaufend überprüft. Desinformation liefert dagegen meist einfache Antworten auf komplexe Probleme – und das ist in der Regel ein Warnsignal.“
Zu den wichtigsten gesundheitlichen Folgen von Desinformation zählt er:
- Verzögerungen bei der Diagnose potenziell schwerer Erkrankungen;
- eine unsachgemässe Selbstmedikation;
- den Abbruch von Behandlungen mit nachgewiesener Wirksamkeit;
- die Anwendung wissenschaftlich nicht belegter Therapien;
- ein erhöhtes Risiko klinischer Komplikationen;
- eine geringere Impfbereitschaft;
- die Begünstigung der Verbreitung vermeidbarer Krankheiten;
- eine verzögerte ärztliche Behandlung, weil Menschen an im Internet gefundene Selbstdiagnosen glauben;
- die Exposition gegenüber unerwünschten Wirkungen durch das Beginnen oder Absetzen von Medikamenten ohne fachliche Anleitung;
- ein sinkendes Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen und Gesundheitsfachkräfte, wodurch es schwieriger wird, medizinischen Empfehlungen zu folgen.
Wie lassen sich verlässliche Gesundheitsinformationen erkennen und wo findet man sie?
In einem Umfeld mit einem Übermass an Inhalten ist es zu einem Teil der eigenen Gesundheitsvorsorge geworden, zu wissen, wo verlässliche Informationen zu finden sind. Bevor man einer Empfehlung glaubt oder sie weitergibt, können einige Kriterien dabei helfen zu beurteilen, ob der Inhalt vertrauenswürdig ist:
- Prüfen, ob der Inhalt von einer qualifizierten Fachkraft erstellt wurde;
- nachsehen, ob wissenschaftliche Quellen oder anerkannte medizinische Leitlinien genannt werden;
- die Empfehlung mit Informationen vertrauenswürdiger Institutionen vergleichen, etwa des Gesundheitsministeriums (MS), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), medizinischer Fachgesellschaften und Universitäten;
- Versprechen einer schnellen oder garantierten Heilung kritisch hinterfragen;
- bei Inhalten vorsichtig sein, die mit Angst oder übertriebener Emotionalität überzeugen wollen.
Neben der Beratung durch Gesundheitsfachkräfte können auch Plattformen genutzt werden, die von Expertinnen und Experten erstellte oder geprüfte Inhalte bündeln. „Eine einfache Regel, um eine Gesundheits-Fake News zu erkennen, lautet: Wenn eine Information aussergewöhnlich erscheint, sollte man sie zunächst bei seinem Arzt oder seiner Ärztin oder in vertrauenswürdigen institutionellen Quellen überprüfen“, rät Alexandre Pimenta.
Von Nayara Campos
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