Adipositas ist eine chronische, multifaktorielle Erkrankung, die weit über ein erhöhtes Körpergewicht hinausgeht. Bewegungsmangel, Entzündungen, Insulinresistenz, abnehmende Fitness und ein Rückgang der Muskelmasse können miteinander verknüpft sein und einen Kreislauf entstehen lassen, der schwer zu durchbrechen ist.
Das bedeutet nicht, dass Adipositas ausschliesslich durch zu wenig Bewegung entsteht. Auch Genetik, Ernährung, Schlaf, hormonelle, emotionale, soziale und umweltbedingte Faktoren spielen dabei eine Rolle. Dennoch sind mehr körperliche Aktivität und weniger Zeit im Sitzen wichtige Ansätze, um die metabolische und funktionelle Gesundheit wieder zu verbessern.
Im Folgenden erfahren Sie, auf welche Weise Adipositas einen gesundheitsschädlichen Kreislauf fördern kann.
1. Bewegungsmangel kann einen Verlust der Fitness in Gang setzen
Wer täglich viele Stunden sitzt und die Muskulatur kaum beansprucht, setzt nicht genügend Reize, um Kraft, Kondition und metabolische Effizienz zu erhalten. Mit der Zeit kann der Körper für Tätigkeiten, die früher leicht erschienen, weniger leistungsfähig werden. Das schafft für Menschen, die mit Sport beginnen möchten, eine zusätzliche Hürde.
Bewegungsmangel und der vollständige Verzicht auf Sport sind zudem nicht zwangsläufig dasselbe. Jemand kann einige Minuten am Tag spazieren gehen und dennoch viele Stunden sitzend verbringen. Deshalb gehört auch die Verringerung der Sitzzeit zur Strategie.
„Bewegungsmangel trägt zum Kreislauf aus Adipositas und Entzündung bei, weil der Energieverbrauch sinkt und zugleich die Fähigkeit der Muskulatur abnimmt, Glukose aufzunehmen und Fett als Energiequelle zu nutzen. Langfristig begünstigt das Insulinresistenz, einen Fitnessverlust und die Ansammlung von Fett, insbesondere im Bauchbereich“, erklärt Dr. Guilherme Moury Fernandes, Facharzt für Sport- und Bewegungsmedizin.
2. Viszerales Fett kann einen entzündlichen Prozess verstärken
Fettgewebe ist nicht lediglich ein Energiespeicher. Bei einem Fettüberschuss, vor allem im Bauchraum, kann sich das Fettgewebe metabolisch verändern und an der Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe beteiligt sein. Dieser Vorgang steht mit Veränderungen in Verbindung, die über die Anzeige auf der Waage hinausgehen.
Eine chronische niedriggradige Entzündung kann verschiedene Gewebe beeinträchtigen und zu metabolischen, muskulären sowie gelenkbezogenen Problemen beitragen. Laut Dr. Fernando Jorge, Orthopäde mit Schwerpunkt auf regenerativer Medizin und interventionellen Behandlungen, können sich die Folgen auch im Bewegungsapparat bemerkbar machen.
„Adipositas begünstigt einen chronischen niedriggradigen Entzündungszustand. Das Fettgewebe setzt Adipokine und entzündungsfördernde Zytokine frei, die den Abbau von Knorpel beschleunigen, Arthrose verschlechtern, Tendinopathien fördern und zu anhaltenden Schmerzen beitragen können. Die Verringerung von überschüssigem Körperfett hilft dabei, diese Entzündungsmediatoren zu senken“, sagt er.
3. Entzündungen stehen ebenfalls mit metabolischen Veränderungen in Zusammenhang
Die durch überschüssiges Fett ausgelöste Entzündung tritt nicht isoliert auf. Sie kann mit Insulinresistenz und weiteren Stoffwechselveränderungen verbunden sein, welche die regelgerechte Funktion des Organismus beeinträchtigen. Daraus kann eine Kombination aus Erschöpfung, geringerer körperlicher Leistungsfähigkeit und Schwierigkeiten bei der Aufrechterhaltung eines aktiven Alltags entstehen.
Dr. Sara Abrão, Gastroenterologin und Endoskopikerin, weist darauf hin, dass viszerales Fettgewebe metabolische Funktionen erfüllt, die sich auf unterschiedliche Körpersysteme auswirken können. „Viszerales Fettgewebe ist nicht nur ein Energiespeicher. Es produziert entzündliche Substanzen und kann Insulinresistenz, hormonelle Veränderungen sowie die Zellvermehrung begünstigen. Deshalb steht Übergewicht mit verschiedenen Tumoren des Verdauungssystems in Verbindung.“
Der Zusammenhang zwischen Adipositas und Krebs ist multifaktoriell und bedeutet nicht, dass Übergewicht das Entstehen eines Tumors bestimmt. Auch familiäre Vorbelastung, Genetik, Alter, Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen und andere Faktoren beeinflussen das individuelle Risiko.
4. Nachlassende Kraft kann Bewegung zusätzlich erschweren
Wenn Menschen mit Adipositas lange Zeit kein angemessenes Training durchführen, können Kraft und Kondition abnehmen. Gelenkschmerzen, Stoffwechselveränderungen, schlechter Schlaf und Begleiterkrankungen können diese Entwicklung zusätzlich verschärfen.
Nach Einschätzung von Dr. Guilherme Moury Fernandes ist es zudem relevant, dass das Bewegen eines schwereren Körpers bei alltäglichen Tätigkeiten mehr Anstrengung verlangt. Was für eine Person eine einfache Aktivität ist, kann für eine andere deutlich anspruchsvoller sein und die Neigung zur Inaktivität verstärken.
„Es gibt auch die sogenannte sarkopenische Adipositas, die durch die Kombination aus überschüssigem Fett und einer verminderten Muskelmasse oder vor allem einer eingeschränkten Muskelfunktion gekennzeichnet ist. Das wichtigste Anzeichen ist nicht allein das Erscheinungsbild der Muskulatur, sondern der Verlust von Kraft, Mobilität und Selbstständigkeit“, erklärt er.
Die Beurteilung der Funktionsfähigkeit kann daher wichtiger sein, als ausschliesslich auf das Gewicht zu schauen. Schwierigkeiten beim Treppensteigen, Aufstehen von einem Stuhl, Gehen kurzer Strecken oder Tragen von Gegenständen sind Warnzeichen, die Beachtung verdienen.
Bewegung kann helfen, den Kreislauf zu durchbrechen – sie muss jedoch schrittweise erfolgen
Die Rückkehr zu körperlicher Aktivität muss nicht mit intensivem Training beginnen. Für Menschen mit Bewegungsmangel oder körperlichen Einschränkungen können gelenkschonendere Aktivitäten wie Gehen, Radfahren, Schwimmen oder angepasste Übungen einen Einstieg bieten, sofern sie mit dem gesundheitlichen Zustand vereinbar sind.
Auch Krafttraining nimmt eine wichtige Rolle ein, da es zum Erhalt oder Aufbau von Muskelmasse und Muskelkraft beiträgt. Das Ziel sollte nicht nur Gewichtsverlust sein, sondern ebenso die Verbesserung der Funktionsfähigkeit und gesundheitlicher Marker.
„Widerstandstraining wie Krafttraining bietet einen entscheidenden zusätzlichen Vorteil: Es erhält oder steigert Muskelmasse, Kraft und Muskelqualität. Das ist bedeutsam, weil die Muskulatur zu den wichtigsten Organen für die Kontrolle des Blutzuckers und den Erhalt der funktionellen Selbstständigkeit zählt“, so Dr. Guilherme Moury Fernandes.
Nach Ansicht des Facharztes muss die Entwicklung den individuellen Voraussetzungen entsprechen. Wer stark untrainiert ist, kann mit wenigen Minuten Aktivität anfangen und danach Dauer, Häufigkeit und später die Intensität allmählich steigern. „Gewichtsverlust sollte nicht der einzige Massstab für die Bewertung des Trainingserfolgs sein. Eine Verbesserung von Blutdruck, Blutzucker, Kondition, Kraft und Bauchumfang stellt bereits einen relevanten gesundheitlichen Gewinn dar.“
Der Kreislauf aus Adipositas, Bewegungsmangel und Entzündung lässt sich unterbrechen
Das Zusammenspiel von Adipositas, Bewegungsmangel und Entzündung kann als Teufelskreis wirken: Zu wenig Bewegung fördert einen Verlust der Fitness und Stoffwechselveränderungen; überschüssiges Fett kann zu einem Entzündungszustand beitragen; Schmerzen und eine eingeschränkte körperliche Leistungsfähigkeit können die Ausübung von Sport erschweren; die geringere Aktivität wiederum hält den Kreislauf aufrecht. Deshalb sollte sich die Behandlung nicht allein auf die Waage beschränken. Die Wiederherstellung von Kraft, Mobilität, Kondition und metabolischer Gesundheit gehört zu einem umfassenderen Ansatz bei Adipositas.
Der erste Schritt muss auch nicht aus grossen Veränderungen bestehen. Weniger Zeit im Sitzen, eine schrittweise Zunahme der Bewegung im Tagesverlauf und der Beginn eines Programms, das an die individuelle Verfassung angepasst ist, können bereits wichtige Schritte sein. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, unkontrolliertem Bluthochdruck, Schlafapnoe, starken Schmerzen oder Beschwerden wie Atemnot, Brustschmerz, Schwindel oder Ohnmacht sollte vor einer Steigerung des Trainings ärztlicher Rat eingeholt werden.
Von Sarah Carvalho
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