Eine der liebsten Speisen meiner Grossmutter war kalt gepresste Rinderzunge – eine Tradition, die ich persönlich nicht fortführen muss. Haben Sie jemals eine gesehen? Sie ist nicht nur riesig, sondern muss auch aufwendig geschrubbt, gekocht und gepresst werden. Vor dem Essen ist zudem eine dicke Hautschicht zu entfernen.
Nein danke, ich verzichte.
Zungen – ob von Rindern oder Menschen – bestehen überwiegend aus Muskeln. Einige davon verändern ihre Form, andere ermöglichen ihre Bewegung. Ihre Oberfläche ist mit spezialisierten Schleimhäuten bedeckt, die zahlreiche kleine Erhebungen, sogenannte Papillen, aufweisen. Diese stehen mit unseren Geschmacksknospen in Verbindung und erfassen Geschmack sowie Konsistenz der Nahrung.
Die Zunge dient jedoch nicht nur dem Schmecken und Schlucken: Ihr Aussehen kann auch wichtige Hinweise auf den allgemeinen Gesundheitszustand geben.
Zungen in vielen Farben
Zungen können überraschend unterschiedliche Verfärbungen annehmen.
Eine leuchtend rote, entzündete und geschwollene Zunge wird beispielsweise manchmal als Erdbeerzunge bezeichnet. Dabei entzünden sich die Papillen und sehen aus wie die kleinen Kerne auf der Erdbeeroberfläche. Anfangs kann die Zunge weiss belegt sein und dadurch einer noch leicht unreifen Erdbeere ähneln. Löst sich dieser Belag, erscheint die Zunge kräftig rot.
Der Name mag harmlos klingen, doch eine Erdbeerzunge sollte stets ernst genommen werden. Sie kann zunächst auf Scharlach hinweisen, der durch das Bakterium Streptococcus pyogenes ausgelöst wird. Die Erkrankung ist hoch ansteckend, lässt sich aber mit Antibiotika behandeln.
Ohne Behandlung kann Scharlach allerdings Komplikationen wie rheumatisches Fieber verursachen. Eine Erdbeerzunge kann zudem ein Anzeichen für das Kawasaki-Syndrom sein, eine potenziell schwere entzündliche Erkrankung, die überwiegend bei Kindern auftritt. Auch sie muss möglichst rasch erkannt und im Krankenhaus behandelt werden.
Ebenso kann eine Erdbeerzunge beim toxischen Schocksyndrom auftreten – einer seltenen, lebensbedrohlichen Erkrankung und einem medizinischen Notfall. Sie entsteht, wenn Bakterien von der Haut in den Körper eindringen und schädliche Toxine freisetzen. Zu den Beschwerden gehören hohes Fieber, Muskelschmerzen und ein charakteristischer „Sandpapier“-Ausschlag.
Eine Erdbeerzunge darf deshalb niemals ignoriert werden.
Auch weisse und – kaum zu glauben – schwarze Verfärbungen sind möglich. Erkrankungen wie Mundsoor können eine weisse Zunge hervorrufen. Lingua villosa nigra hingegen bezeichnet die schwarze Haarzunge. Ihren Namen verdankt sie der Verlängerung kleinster Papillen, die dadurch wie Haare wirken. Sie wird mit Rauchen, Mundtrockenheit und unzureichender Mundhygiene in Verbindung gebracht.
Daneben gibt es blaue Zungen. Dabei handelt es sich um eine zentrale Zyanose, einen ernsten Zustand, bei dem Mund, Zunge oder Gesicht aufgrund schlecht mit Sauerstoff versorgten Blutes oder einer beeinträchtigten Durchblutung bläulich beziehungsweise zyanotisch verfärbt sind. Sie kann bei zahlreichen Herz- und Lungenerkrankungen auftreten und sogar durch grosse Höhen ausgelöst werden. Auch dies ist ein medizinischer Notfall, bei dem der Notruf 112 gewählt werden sollte.
Landkartenzunge: ein gezeichnetes Muster
Eine Zunge kann jedoch weit mehr als rot, weiss, schwarz oder blau sein. Mitunter nimmt sie tatsächlich ungewöhnliche Formen an. Ein Beispiel ist die Landkartenzunge: Auf ihrer Oberseite verwandeln sich Bereiche mit rauen Papillen in glatte rote Flecken. Dadurch ähnelt die Zunge einer Weltkarte, auf der Landmassen zwischen Ozeanen zu treiben scheinen.
Bemerkenswert ist, dass diese Flecken erscheinen und wieder verschwinden können, wodurch sich das Bild der Zunge verändert. Das erinnert ein wenig an Kontinentaldrift, bei der sich Positionen über das Wasser hinweg verschieben.
Eine Landkartenzunge verursacht meist nur wenige Beschwerden. Manche Betroffene berichten allerdings von Reizungen an der Zungenoberfläche oder gelegentlich von einem brennenden Gefühl. Die Erkrankung ist vollkommen gutartig und häufiger, als man vermuten könnte: Schätzungen zufolge betrifft sie 1-3% der Bevölkerung.
Das Erkennen einer Landkartenzunge kann zudem zur Diagnose weiterer assoziierter Erkrankungen beitragen. Einige Zusammenhänge sind stärker belegt als andere, doch Psoriasis, allergische Erkrankungen, Asthma und Diabetes wurden damit in Verbindung gebracht.
Mythen über die Zunge aufklären
Es gibt jedoch Dinge, die eine Zunge nicht verraten kann – ebenso wie Behauptungen, für die weiterhin überzeugende wissenschaftliche Belege fehlen.
Ein Beispiel sind Risse oder Furchen auf der Zungenoberseite. Die meisten Menschen entdecken ein oder zwei Risse auf ihrer eigenen Zunge; häufig verläuft einer davon genau in der Mitte. Offenbar handelt es sich dabei lediglich um eine normale Variante.
Bei manchen Menschen sind die Risse jedoch tiefer und zahlreicher. Dies wird gelegentlich als Furchenzunge bezeichnet und scheint Gemeinsamkeiten mit der Landkartenzunge zu haben.
Es wird behauptet, dass solche Risse noch weitere Zusammenhänge haben könnten, etwa mit einem Vitamin- oder Eisenmangel, Mundtrockenheit – auch Xerostomie genannt – und Rauchen, um nur einige zu nennen. Die wissenschaftliche Evidenz für diese Verbindungen ist jedoch unterschiedlich stark.
Zu den grössten Mythen rund um die Zunge gehört vermutlich eine Vorstellung, die in Schulen vermittelt wird und das Problem offenbar weiterträgt: der Irrglaube, dass einzelne Zungenbereiche jeweils besonders empfindlich für bestimmte Geschmacksrichtungen seien – süss an der Spitze, bitter am hinteren Bereich und so weiter.
Das ist Unsinn. Erstens besitzen die meisten Papillen Geschmacksknospen – mit Ausnahme der sehr kleinen fadenförmigen Papillen –, sodass alle Geschmacksrichtungen in sämtlichen Bereichen der Zunge wahrgenommen werden können. Zweitens fehlt auf solchen Karten möglicherweise die fünfte Geschmacksrichtung Umami. Der Begriff stammt aus dem Japanischen und bedeutet köstlich; Umami beschreibt herzhafte Geschmäcker. Denken Sie an Parmesan, gegartes Fleisch und Tomaten.
Die Zunge besitzt also keine Geschmackskarte. Bei manchen Menschen kann sie aber wie eine Karte aussehen – und Ärztinnen und Ärzte können sie wie einen Atlas lesen, um eine breite Palette unterschiedlicher Diagnosen zu stellen.
Dan Baumgardt, Senior Lecturer, School of Physiology, Pharmacology and Neuroscience, University of Bristol
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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