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DSM: Fünf genetische Faktoren verbinden psychische Störungen

Wissenschaftler im weißen Kittel liest Buch am Tisch mit DNA-Chart und Tablet mit Gehirnbildern.

Depressionen, Autismus, Schizophrenie und Abhängigkeitserkrankungen: Vor allem fünf genetische Faktoren beeinflussen die Veranlagung für diese psychischen Störungen.

Als Bibel der Psychiatrie gilt das DSM (Diagnostisches und Statistisches Handbuch psychischer Störungen). Seine erste Ausgabe, das DSM-I, erschien 1952 nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Ähnlich wie der Arzneimittelindex Vidal in der Medizin dient es Psychiatern und Fachkräften für psychische Gesundheit als massgebliches Referenzwerk, um psychische Erkrankungen zu erkennen und einzuordnen. Insgesamt wurde es achtmal grundlegend überarbeitet, revidierte Ausgaben eingeschlossen; verbindlich ist heute das DSM-5-TR (Text Revision).

Mit dem Erscheinen des DSM-III im Jahr 1980 vollzog die Psychiatrie ihre einschneidendste Wende: Sie rückte von der psychoanalytischen Betrachtung psychischer Störungen ab und ordnete sie festen Kategorien zu. Bestimmte Symptomkombinationen wurden fortan einer bestimmten Erkrankung und einer Behandlung zugewiesen, die sie heilen oder lindern sollte – so wie die übrige Medizin etwa eine Lungenentzündung von einem Magengeschwür unterscheidet. Dieses Schema gilt weiterhin, obwohl die moderne Psychiatrie sehr wohl weiss, dass sich das menschliche Gehirn nicht problemlos in eindeutig beschriftete Schubladen einordnen lässt.

Diese Erkenntnis setzte sich vor rund 20 Jahren durch, insbesondere dank Fortschritten in der Genetik und der Hirnbildgebung. Zahlreiche Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass psychiatrische Erkrankungen gemeinsame biologische Ursprünge besitzen. Doch keine Studie konnte diese Annahme für ein derart breites Spektrum von Krankheitsbildern unwiderlegbar belegen – bis zur Veröffentlichung dieser Untersuchung am 10. Dezember 2025 in der Fachzeitschrift Nature. Ihren Ergebnissen zufolge genügen fünf genomische Faktoren – also Profile oder Bündel von DNA-Variationen, die mehrere Menschen gemeinsam haben –, um den grössten Teil der gemeinsamen genetischen Vererbung von vierzehn psychischen Störungen zu erklären.

Die Auflösung starrer Grenzen bei psychischen Erkrankungen

Zu diesem Ergebnis gelangten Andrew Grotzinger, Verhaltensgenetiker an der University of Colorado Boulder, und sein Team, indem sie die DNA von mehr als einer Million Patienten mit jener von fünf Millionen gesunden Personen verglichen. Auf diese Weise konnten sich die Zusammenhänge herauskristallisieren und fünf übergeordnete genomische Faktoren sichtbar werden.

Die erste Gruppe umfasst Störungen mit einer zwanghaften Komponente: Anorexia nervosa, das Tourette-Syndrom und Zwangsstörungen. Eine zweite Gruppe vereint sogenannte internalisierende Störungen, darunter Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Suchterkrankungen bilden den dritten Bereich. Den vierten stellen neuroentwicklungsbedingte Störungen wie Autismus und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) dar, was erklären könnte, weshalb diese beiden letztgenannten Erkrankungen so häufig gemeinsam auftreten.

Die fünfte Gruppe dürfte für die Psychiatrie am schwersten zu akzeptieren sein: Schizophrenie und bipolare Störung haben 70 % der genetischen Variationen gemeinsam, die jeweils für eine der beiden Erkrankungen anfällig machen. Seit dem späten 19. Jahrhundert und den Arbeiten des deutschen Psychiaters Emil Kraepelin gehört die Unterscheidung dieser beiden Störungen jedoch zu den ältesten Grundpfeilern des Fachgebiets. Diese Trennung verhinderte, dass Kliniker beide Diagnosen bei derselben Person stellten – und damit auch die Vorstellung, sie könnten auf gemeinsamen biologischen Grundlagen beruhen.

Eine hundertjährige diagnostische Trennung zerbricht

Das DSM wurde bereits wegen seiner Willkürlichkeit und seiner Neigung, Ärzte zu übermässiger Medikamentenverordnung zu verleiten, scharf kritisiert. Diese Entdeckung ist jedoch vermutlich einer der schwersten Schläge, die ihm je versetzt wurden. Ein Jahrhundert klinischer Praxis hielt die genetische Nähe zwischen Schizophrenie und bipolarer Störung auf Abstand und erhob ihre Trennung zum unantastbaren Dogma. Nun belegt die Genetik, wie wenig tragfähig diese Abgrenzung ist.

Die Gültigkeit des seit dem DSM-III vorgeschriebenen kategorialen Modells, die bereits seit den 1990er-Jahren stark umstritten ist, wird nun durch den am schwersten zu widerlegenden Beleg infrage gestellt. Das Handbuch wird zwar nicht so bald verschwinden, da es weiterhin die gemeinsame Sprache der Behandelnden und das Grundgerüst der Versorgungssysteme bildet. Doch der Glanz seines Autoritätsstatus wird zweifellos verblassen. Auch wenn diese Studie seine praktische Nutzung keineswegs ungültig macht, trifft sie seinen empfindlichsten Punkt, den keine seiner sieben Überarbeitungen berührt hatte: die Behauptung, seine Einteilung der Störungen entspreche der biologischen und genetischen Realität der Patienten.

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