Die Teilnahme an Olympischen Spielen ist eine aussergewöhnliche Leistung – und die damit verbundenen Belastungen und Stressfaktoren sind einzigartig.
Ob eine Athletin im Brustschwimmen um den Sieg kämpft oder sich ein Athlet im Modernen Fünfkampf zum Gold vorarbeitet: Die Psychologie wird im Sommer in Paris entscheidend dafür sein, ob Erfolg oder Misserfolg eintritt.
Bei den vergangenen Olympischen Spielen wurde deutlich, welche psychischen Folgen Wettkämpfe auf höchstem Niveau für Sportlerinnen und Sportler haben können.
Die US-Turnerin Simone Biles zog sich bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio aus fünf Wettbewerben zurück, um ihre psychische Gesundheit zu schützen. Der 23-fache Olympiasieger Michael Phelps schilderte zudem den mentalen Einbruch, der ihn nach seiner Teilnahme an den Spielen trifft.
Wenn schon kleinste Fehler eine Medaille kosten können: Wie nutzen Athletinnen und Athleten psychologische Prinzipien, um ihre Gedanken zu beherrschen und unter Druck ihre Leistung abzurufen?
Resilienz
Entscheidend ist die Fähigkeit, sich von Rückschlägen wie enttäuschenden Leistungen oder Verletzungen zu erholen.
Mentale Prozesse und Verhaltensweisen wie die Emotionsregulation – also das Erkennen und Steuern von Gefühlen wie Angst – helfen Olympiateilnehmenden, trotz der weltweiten Aufmerksamkeit auf der grössten Sportbühne der Welt konzentriert und entschlossen zu bleiben.
Resilienz ist keine unveränderliche Eigenschaft. Sie entwickelt sich vielmehr dynamisch durch das Zusammenspiel persönlicher Merkmale, etwa Persönlichkeit und psychologische Fähigkeiten, mit dem Umfeld, beispielsweise der sozialen Unterstützung einer Athletin oder eines Athleten.
Eine 2012 im Vereinigten Königreich durchgeführte Studie zur Resilienz olympischer Champions zeigte, dass verschiedene psychologische Faktoren schützen können: eine positive Persönlichkeit, Motivation, Selbstvertrauen und Fokus sowie das Gefühl, sozial unterstützt zu werden. Sie mildern die möglichen negativen Belastungen, die mit der Teilnahme an Olympischen Spielen einhergehen.
Dadurch steigt die Resilienz der Athletinnen und Athleten – ebenso wie die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Bestleistung erzielen.
Soziale Unterstützung bedeutet, dass Sportlerinnen und Sportler sich nicht allein durchkämpfen müssen. Starke Netzwerke aus Familie, Freundeskreis und Trainerinnen oder Trainern geben ihnen zusätzliche emotionale Stärke und Motivation.
Resilienz befähigt Olympiateilnehmende, auf ihre eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften zurückzugreifen, und schützt sie vor den negativen Folgen der Belastungen, die olympische Wettkämpfe zwangsläufig mit sich bringen. Eine Ruderin oder ein Ruderer muss etwa Probleme wie wechselnde Wetterbedingungen bewältigen.
Dank Resilienz können sie ruhig bleiben und sich an die Bedingungen anpassen, beispielsweise indem sie ihre Rudertechnik verändern.
Im Moment bleiben
Wer sich auf die Gegenwart konzentriert, wird weniger leicht von der Bedeutung des Wettkampfs überwältigt oder vereinnahmt. Auch Enttäuschungen über frühere Niederlagen und der Druck hoher Medaillenerwartungen lenken dann weniger ab.
Um im gegenwärtigen Moment zu bleiben, können Athletinnen und Athleten unterschiedliche Strategien einsetzen. Achtsamkeitsmeditation und Atemübungen können dazu beitragen, ruhig und fokussiert zu bleiben.
Auch die Visualisierung von Leistungen kann genutzt werden, um bestimmte Bewegungsabläufe oder Routinen gedanklich zu trainieren. Man denke an einen Basketballspieler, der sich einen Freiwurf vorstellt.
Ebenso verfügen viele Sportlerinnen und Sportler über intensiv eingeübte Routinen vor dem Wettkampf, die ein Gefühl von Normalität und Kontrolle vermitteln können. Eine Tennisspielerin könnte den Ball beispielsweise vor dem Aufschlag eine bestimmte Anzahl von Malen aufspringen lassen.
Im Moment zu bleiben, kann die Angst der Athletinnen und Athleten senken, den Fokus auf die Aufgabe bewahren und ihnen ermöglichen, die Atmosphäre ganz zu erleben – und hoffentlich auch zu geniessen.
Psychisches Wohlbefinden schützen
Scheitern kann verheerend sein, und das Verhältnis von Athletinnen und Athleten zum Gewinnen ist mitunter kompliziert.
Manche erleben beispielsweise den Post-Olympia-Blues. Damit wird häufig ein Gefühl von Leere, der Verlust des Selbstwertgefühls und sogar Depressionen nach Olympischen Spielen bezeichnet – selbst dann, wenn eine Medaille gewonnen wurde.
Die britische Radsportlerin Victoria Pendleton beschrieb dieses Phänomen 2016 in The Telegraph: „Es ist fast leichter, Zweite zu werden, weil man nach dem Ende noch ein Ziel hat. Wenn man gewinnt, fühlt man sich plötzlich verloren.“
Olympiateilnehmende mögen Champions sein, doch wie alle anderen müssen sie grundlegende Bedürfnisse priorisieren, etwa ausreichend Schlaf und Erholungszeit, um mental neue Energie zu gewinnen. Eine 2020 in Australien durchgeführte Studie unterstrich den Zusammenhang zwischen der Erhaltung des psychischen Wohlbefindens und einer besseren sportlichen Leistung.
Dafür arbeiten Olympiateilnehmende eng mit Betreuungspersonal wie Ernährungsfachleuten für Leistungssport zusammen. Diese stellen sicher, dass ihre ausgewogene Ernährung den körperlichen Anforderungen ihrer Disziplin entspricht und so sowohl die körperliche als auch die psychische Gesundheit schützt.
Während ihres gesamten Trainings zur Vorbereitung auf die Olympischen Spiele werden sie ausserdem mit Sport- und Bewegungspsychologinnen beziehungsweise -psychologen arbeiten, um Herausforderungen dann zu bewältigen, wenn sie auftreten.
Beginnt eine Athletin oder ein Athlet vor den Spielen unter Leistungsangst zu leiden, können Achtsamkeit oder kognitive Umstrukturierung eingesetzt werden. Dabei handelt es sich um Techniken, die Menschen helfen, negative Denkmuster wahrzunehmen und zu verändern.
Olympiateilnehmende und ihre Betreuungsteams müssen sich sowohl um den Menschen als auch um die Sportlerin oder den Sportler kümmern, um ihr Wohlbefinden zu schützen.
Indem sie ihr Wohlbefinden bewahren, schaffen sie die besten Voraussetzungen dafür, bei den Spielen selbst ihre Höchstleistung zu erreichen und nach deren Ende den Post-Olympia-Blues zu vermeiden.
Mike McGreary, Programmleiter und Senior Lecturer für Sport- und Bewegungspsychologie, Keele University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen