Rund 3,2 Millionen Australierinnen und Australier leben mit Depressionen.
Gleichzeitig erreichen nur wenige Menschen in Australien die empfohlenen Ernährungs- und Bewegungsvorgaben. Wie hängen diese beiden Aspekte zusammen?
Unsere in dieser Woche veröffentlichte, weltweit erste Studie zeigt: Eine bessere Ernährung und mehr körperliche Aktivität können bei leichten Depressionen ebenso wirksam sein wie eine Behandlung durch eine Psychologin oder einen Psychologen.
Frühere Untersuchungen – auch unsere eigenen – haben bereits ergeben, dass „Lifestyle“-Therapien bei Depressionen helfen können. Ein direkter Vergleich mit psychologischen Therapien hatte jedoch bislang gefehlt.
Während in ganz Australien Fachkräfte für psychische Gesundheit fehlen, weisen unsere Ergebnisse auf einen möglichen Ansatz hin. Da die Lifestyle-Beratung ebenso wirksam war wie die psychologische Therapie, könnten Ernährungsfachkräfte und Bewegungsphysiologinnen und -physiologen künftig bei der Behandlung von Depressionen mitwirken.
Was wurde in unserer Studie untersucht?
Während der lang anhaltenden COVID-Lockdowns waren Belastung und psychische Not in Victoria hoch und weit verbreitet. Persönliche Angebote der psychischen Gesundheitsversorgung standen nur eingeschränkt zur Verfügung.
Unsere Studie richtete sich an Menschen in Victoria mit erhöhter psychischer Belastung. Das bedeutete mindestens leichte depressive Beschwerden, jedoch nicht zwingend eine diagnostizierte psychische Erkrankung. Typische Symptome waren Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit, Reizbarkeit oder häufiges Weinen.
In Zusammenarbeit mit einem lokalen Dienst für psychische Gesundheit rekrutierten wir 182 Erwachsene und führten Gruppensitzungen über Zoom durch. Alle Teilnehmenden nahmen innerhalb von acht Wochen an bis zu sechs Terminen teil, die von Gesundheitsfachkräften geleitet wurden.
Die Hälfte der Teilnehmenden wurde nach dem Zufallsprinzip einem Programm zugeteilt, das gemeinsam von einer akkreditierten praktizierenden Ernährungsfachkraft und einer Bewegungsphysiologin beziehungsweise einem Bewegungsphysiologen betreut wurde. Diese Gruppe, das „Lifestyle-Programm“, formulierte Ziele für Ernährung und Bewegung:
- eine vielfältige Auswahl an Lebensmitteln essen
- pflanzliche Lebensmittel mit hohem Ballaststoffgehalt wählen
- hochwertige Fette in den Speiseplan aufnehmen
- frei wählbare Lebensmittel begrenzen, etwa Produkte mit viel gesättigtem Fett und zugesetztem Zucker
- körperlich aktiv sein auf eine Weise, die Freude macht.
Die zweite Gruppe nahm an psychotherapeutischen Sitzungen teil, die von zwei Psychologinnen beziehungsweise Psychologen durchgeführt wurden. Das Psychotherapieprogramm basierte auf der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), dem Goldstandard bei der Gruppenbehandlung von Depressionen und bei дистанzierter Durchführung.
Teilnehmende beider Gruppen konnten ihre bisherigen Behandlungen fortsetzen, beispielsweise Antidepressiva einnehmen. Beide Gruppen erhielten Arbeitshefte und Pakete. Das Lifestyle-Programm bekam ein Lebensmittelpaket, während die Psychotherapiegruppe unter anderem ein Malbuch, einen Stressball und ein Kopfmassagegerät erhielt.
Lifestyle-Therapien bei Depressionen ebenso wirksam
Die Ergebnisse beider Programme waren vergleichbar.
Zu Beginn der Studie erhielt jede teilnehmende Person anhand ihrer selbst berichteten psychischen Gesundheit einen Wert. Nach Ende des Programms erfolgte eine erneute Messung.
Innerhalb von acht Wochen gingen die Depressionssymptome laut diesen Werten bei den Teilnehmenden des Lifestyle-Programms um 42% und in der Psychotherapiegruppe um 37% zurück. Dieser Unterschied war weder statistisch noch klinisch bedeutsam. Daher konnten wir feststellen, dass beide Behandlungen gleich gut wirkten.
Zwischen den Gruppen zeigten sich dennoch einige Unterschiede. Die Personen im Lifestyle-Programm verbesserten ihre Ernährung. Jene im Psychotherapieprogramm berichteten dagegen im Vergleich zum Behandlungsbeginn über mehr soziale Unterstützung – also darüber, sich stärker mit anderen Menschen verbunden zu fühlen.
Die körperliche Aktivität nahm in beiden Programmen zu. Beim Lifestyle-Programm war dies zu erwarten, bei der Psychotherapiegruppe hingegen weniger. Möglicherweise wussten die Teilnehmenden, dass sie an einer Studie zum Thema Lebensstil teilnahmen, und veränderten unbewusst ihr Bewegungsverhalten. Ebenso könnte die Steigerung eine positive Begleitwirkung der Psychotherapie gewesen sein.
Auch bei den Kosten gab es nur geringe Unterschiede. Die Durchführung des Lifestyle-Programms war mit A$482 pro Person etwas günstiger als die Psychotherapie mit $503. Der Grund sind unterschiedliche Stundensätze von Ernährungsfachkräften und Bewegungsphysiologinnen und -physiologen im Vergleich zu Psychologinnen und Psychologen.
Was bedeuten die Ergebnisse für den Fachkräftemangel in der psychischen Gesundheit?
In Australien wächst die Nachfrage nach Angeboten für psychische Gesundheit, während sich der landesweite Fachkräftemangel zugleich verschärft.
Psychologinnen und Psychologen, die etwa die Hälfte aller Leistungen für psychische Gesundheit erbringen, haben oft lange Wartezeiten. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass entsprechend geschulte und angeleitete Fachkräfte aus den Bereichen Ernährung und Bewegung helfen könnten, diese Lücke zu schließen.
Lifestyle-Therapien lassen sich für eine multidisziplinäre Versorgung mit psychologischen Sitzungen kombinieren. Ernährungs- und Bewegungstherapien könnten jedoch besonders für Menschen auf Wartelisten bei Psychologinnen und Psychologen wirksam sein, die während der Wartezeit möglicherweise keine weitere professionelle Unterstützung erhalten.
Viele Ernährungsfachkräfte sowie Bewegungsphysiologinnen und -physiologen verfügen bereits über fortgeschrittene Kenntnisse und Erfahrung darin, Verhaltensänderungen zu motivieren. Die meisten akkreditierten praktizierenden Ernährungsfachkräfte sind zudem für die Behandlung von Essstörungen oder Magen-Darm-Erkrankungen ausgebildet, die häufig gemeinsam mit Depressionen auftreten.
Auch die Kosten sprechen dafür: Die Ausbildung einer Ernährungsfachkraft ist mit $153,039 insgesamt günstiger als die einer Psychologin oder eines Psychologen mit $189,063 – und sie dauert weniger lang.
Mögliche Hürden
Australierinnen und Australier mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes können im Rahmen verschiedener Medicare-Behandlungspläne vergünstigte Termine bei Ernährungsfachkräften sowie Bewegungsphysiologinnen und -physiologen erhalten. Menschen mit Essstörungen haben ebenfalls Zugang zu bezuschussten Terminen bei Ernährungsfachkräften.
Versorgungspläne für psychische Gesundheit bei Menschen mit Depressionen sehen allerdings keine bezuschussten Sitzungen mit Ernährungsfachkräften oder Bewegungsphysiologinnen und -physiologen vor – obwohl führende Fachorganisationen dies fordern.
Damit Ernährungsfachkräfte und Bewegungsphysiologinnen und -physiologen stärker an der Behandlung psychischer Probleme beteiligt werden können, wären zusätzliche Aus- und Fortbildungen sowie Medicare-Zuschüsse erforderlich.
Unsere Schulungs- und klinischen Leitlinien sollen Behandelnde dabei unterstützen, eine lebensstilbasierte Versorgung der psychischen Gesundheit innerhalb ihres jeweiligen Tätigkeitsbereichs anzubieten – also im Rahmen jener Aufgaben, die eine Gesundheitsfachkraft ausüben darf.
Nächste Forschungsschritte
Unsere Studie fand während der COVID-Lockdowns statt und untersuchte Menschen mit mindestens leichten depressiven Symptomen, die nicht unbedingt an einer psychischen Erkrankung litten.
Wir möchten diese Ergebnisse bestätigen und führen inzwischen eine Studie durch, an der Australierinnen und Australier mit psychischen Erkrankungen wie einer schweren Depression oder einer bipolaren Störung teilnehmen können.
Falls diese Geschichte Sorgen bei Ihnen ausgelöst hat oder Sie mit jemandem sprechen müssen, nutzen Sie bitte diese Liste, um eine rund um die Uhr erreichbare Krisenhotline in Ihrem Land zu finden, und holen Sie sich Unterstützung.
Adrienne O'Neil, Professorin, Food & Mood Centre, Deakin University, und Sophie Mahoney, Associate Research Fellow, Food and Mood Centre, Deakin University
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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