Bei älteren Erwachsenen werden sexuell übertragbare Infektionen (STI) zunehmend häufiger diagnostiziert.
Nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention stieg in den USA die Zahl der über 65-Jährigen mit einer Diagnose von Chlamydien, Gonorrhö oder Syphilis zwischen 2010 und 2023 jeweils etwa auf das Drei-, Fünf- beziehungsweise Siebenfache.
Daten weisen zudem darauf hin, dass Frauen über 50 ein höheres HIV-Risiko haben als jüngere Frauen.
Als mögliche Gründe für die hohe Verbreitung dieser Infektionen bei älteren Erwachsenen gelten ein begrenztes Wissen über STI in dieser Altersgruppe, die seltene Verwendung von Kondomen sowie die breitere Verfügbarkeit von Medikamenten gegen Beschwerden, welche die sexuelle Aktivität im Alter häufig einschränken. Dazu zählen Viagra und Cialis bei erektiler Dysfunktion sowie Östrogencremes und -tabletten gegen vaginale Trockenheit.
Viele ältere Erwachsene sprechen weder mit ihren Partnern noch mit medizinischem Fachpersonal gern über ihre sexuelle Vorgeschichte. Das verstärkt die falsche Annahme, sie lebten monogam oder seien sexuell nicht aktiv.
In meiner Tätigkeit als Wissenschaftler für Infektionskrankheiten untersuche ich die bislang kaum erforschten biologischen Ursachen dafür, dass Frauen nach den Wechseljahren anfälliger für STI sind.
Meine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass die Menopause mit einem Verlust der Schutzbarriere im Genitaltrakt einhergeht. Diese Barriere ist eine entscheidende Abwehr gegen die mikrobiellen Erreger, die STI verursachen.
Menopause: ein natürlicher Teil des Älterwerdens
Von einer Menopause spricht man, wenn eine Frau 12 Monate hintereinander keine Menstruation mehr hatte. In den USA beginnt sie im Durchschnitt im Alter zwischen 45 und 55 Jahren. Schätzungen zufolge werden im Jahr 2030 weltweit 1,2 Milliarden Frauen in der Menopause oder nach der Menopause sein.
Die Menopause entsteht, weil die Eierstöcke weniger Östrogen produzieren. Dadurch können die Befeuchtung der Vagina und die Elastizität des Vaginalgewebes abnehmen.
Die Folge kann das genitourinäre Menopausensyndrom (GSM) sein. Zu seinen Beschwerden gehören vaginale Trockenheit und Reizungen, Schmerzen beim Sex sowie häufige Harnwegsinfektionen. Etwa die Hälfte aller Frauen nach der Menopause ist von GSM betroffen.
Neben diesen nachteiligen Auswirkungen auf die vaginale Gesundheit hat die Forschung meines Labors ergeben, dass die Menopause auch die strukturelle Unversehrtheit des Gewebes beeinträchtigt, das die Vagina auskleidet.
Die Vaginaloberfläche besteht aus mehreren Schichten von Epithelzellen, die durch zahlreiche Adhäsionsmoleküle zusammengehalten werden. Dazu gehören die Proteine Desmoglein-1 (DSG1) und Desmocollin-1 (DSC1). Diese Proteine festigen die Vaginalschleimhaut, begrenzen den Zugang von Erregern zu tieferen Gewebeschichten und senken damit das Infektionsrisiko.
Um zu untersuchen, wie die Menopause die Vaginalschleimhaut verändert, verglichen wir die Konzentrationen von DSG1 und DSC1 in Vaginalgewebe von Frauen vor und nach der Menopause. Bei Frauen nach der Menopause waren die Werte für DSG1 und DSC1 deutlich niedriger.
Anschließend entfernten wir Mäusen operativ die Eierstöcke, um den Verlust der Östrogenproduktion der Eierstöcke bei Frauen nach der Menopause nachzubilden. Auch im Vaginalgewebe von Mäusen ohne Eierstöcke fanden wir im Vergleich zu Mäusen mit intakten Eierstöcken deutlich geringere Mengen der Proteine DSG1 und DSC1.
Mäuse ohne Eierstöcke waren außerdem anfälliger für Infektionen mit Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV-2) und konnten Chlamydieninfektionen im unteren Genitaltrakt schlechter beseitigen. Wurde bei diesen Mäusen hingegen Östrogencreme angewendet, stellte dies die Unversehrtheit ihrer Vaginalschleimhaut wieder her und schützte sie vollständig vor einer HSV-2-Infektion.
STI nach der Menopause dürfen nicht ignoriert werden
Ein umfassendes Verständnis der verhaltensbezogenen und biologischen Risikofaktoren, die zur Anfälligkeit für STI beitragen, kann Ärztinnen, Ärzten und Verantwortlichen im öffentlichen Gesundheitswesen helfen, den alarmierenden Anstieg von STI bei älteren Erwachsenen anzugehen.
Unsere Studien zeigen zusammengenommen, dass die Unversehrtheit der Vaginalschleimhaut nach der Menopause abnimmt. Zwar sind weitere Untersuchungen erforderlich, doch die Ergebnisse unseres Labors legen nahe, dass östrogenhaltige Präparate zur Linderung vaginaler Reizungen und anderer Beschwerden des genitourinären Menopausensyndroms auch die Anfälligkeit älterer Erwachsener für STI verringern könnten.
In der Zwischenzeit können medizinische Fachkräfte das STI-Risiko bei älteren Erwachsenen senken, indem sie konsequent zu Safer Sex beraten und routinemäßige STI-Tests anbieten.
Thomas L. Cherpes, außerordentlicher Professor für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, The Ohio State University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut von The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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