Manchmal heißt es, der menschliche Körper beherberge „zwei“ Gehirne: das große im Schädel und eine Mini-Ausgabe im Darm.
Die Verbindung zwischen beiden wird als Darm-Hirn-Verbindung bezeichnet. Diese Kommunikation in beide Richtungen gilt in den vergangenen Jahren zunehmend als vielversprechender Ansatz, um den kognitiven Abbau zu verlangsamen, der häufig mit dem Älterwerden einhergeht.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit, die 15 zwischen 2012 und 2025 veröffentlichte Studien am Menschen auswertete, fasst nun einige der bislang aussagekräftigsten Untersuchungen zu diesem Thema zusammen. Auch in ihrer Gesamtheit sind die Ergebnisse noch vorläufig. Sie deuten jedoch darauf hin, dass ein Ausgleich des Darmmikrobioms kognitiven Abbau bei älteren Erwachsenen verhindern oder abschwächen könnte.
Die Auswertung klinischer Studien umfasst 4.275 Erwachsene über 45 Jahren aus Europa, Asien, Nordamerika und dem Nahen Osten. Bei ihnen waren Demenz, kognitive Beeinträchtigungen oder Erkrankungen diagnostiziert worden, die das Risiko eines kognitiven Abbaus erhöhen.
Darm-Hirn-Verbindung und kognitive Gesundheit
Ein Teil der Teilnehmenden erhielt Interventionen zur Veränderung der Darmmikroben. Dazu gehörten indirekte Ernährungsstrategien wie die mediterrane Ernährung, die ketogene Ernährung oder Omega-3-Präparate. Daneben kamen direktere Maßnahmen zum Einsatz, darunter Probiotika, Präbiotika oder Stuhltransplantationen.
Die Vergleichsgruppen erhielten ein Placebo, die Standardversorgung oder andere Ernährungsinterventionen.
Insgesamt wiesen Personen mit einer Intervention zur Modulation des Darms eine vielfältigere Zusammensetzung ihrer Darmmikroben auf. Zudem verbesserten sich bei ihnen Gedächtnis, exekutive Funktionen und die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit stärker. Besonders deutlich war dies bei Menschen mit frühen oder leichten kognitiven Einschränkungen; bei fortgeschrittener Alzheimer-Krankheit blieben die Effekte dagegen begrenzt.
„Die überprüften Interventionen scheinen kognitive Vorteile zu vermitteln, indem sie die Darmmikrobiota und ihre Stoffwechselprodukte modulieren“, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit, die von Forschenden aus Italien und Spanien geleitet wurde.
Die Befunde sind ermutigend. Um jedoch mit größerer Sicherheit zu klären, was bei den einzelnen Interventionen geschieht und weshalb, sind längerfristige randomisierte kontrollierte Studien erforderlich.
Stuhltransplantationen mit besonders auffälligen Ergebnissen
Stuhltransplantationen sind moderne, weitgehend experimentelle Verfahren. Innerhalb der Übersichtsarbeit lieferten sie jedoch einige der auffälligsten Resultate.
In einer der berücksichtigten Studien zeigten fünf Alzheimer-Patientinnen und -Patienten, die eine einzige Transplantation erhalten hatten, anschließend eine größere Vielfalt an Darmmikroben in ihren Stuhlproben. Bei diesen fünf Teilnehmenden verbesserten sich außerdem die Ergebnisse in zwei kognitiven Tests, welche Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache und Problemlösungsfähigkeit erfassen.
„Im Vergleich zu Ernährungs- oder Probiotika-Interventionen scheint FMT schnellere und ausgeprägtere Veränderungen der Mikroben hervorzurufen, wobei die langfristige Stabilität und Sicherheit weiterhin ungewiss sind“, erklären die Autorinnen und Autoren der Übersichtsarbeit.
Ernährungsumstellungen und Nahrungsergänzungsmittel bergen im Vergleich dazu weniger Risiken. Zwar könnten ihre Wirkungen länger auf sich warten lassen, dennoch könnten sie hilfreich sein.
So kamen einige jüngere Zwillingsstudien zu dem Ergebnis, dass bestimmte Präbiotika aus Pflanzenfasern, die „gute Bakterien“ im Darm fördern, die Gehirnleistung älterer Erwachsener steigern können.
Andere Untersuchungen legen nahe, dass Probiotika, welche „gute Bakterien“ direkt in den Darm bringen, bei Stimmungsstörungen oder Stress helfen könnten. Strenge klinische Forschung dazu ist allerdings weiterhin begrenzt.
In der aktuellen Übersichtsarbeit stützten mehrere kleine randomisierte Studien die Annahme, dass Probiotika und andere „synbiotische“ Interventionen „exekutive Funktionen, Gedächtnis und verbale Flüssigkeit verbessern, zusammen mit einer erhöhten mikrobiellen Vielfalt und veränderten Neurotransmitterwegen“.
Darüber hinaus erzielten ältere Erwachsene, die sich mediterran ernährten und dabei Olivenöl oder gemischte Nüsse zu sich nahmen, im Vergleich zu Kontrollgruppen mit fettarmer Ernährung deutlich bessere Werte bei kognitiven Tests.
Mögliche Wege vom Darm zum Gehirn
Warum manche Maßnahmen das Darmmikrobiom und die Gehirnfunktion stärker verbesserten als andere, fällt nicht in den Rahmen dieser Übersichtsarbeit. Die Forschenden skizzieren jedoch mehrere Hypothesen.
Vermutlich könnten einige von Darmmikroben erzeugte Verbindungen, etwa kurzkettige Fettsäuren, entzündungshemmend wirken und Nervenzellen schützen.
Eine Förderung nützlicher Darmbakterien könnte außerdem dazu beitragen, die „Durchlässigkeit“ der Darmbarriere wieder zu verringern. Andernfalls können Mikroben den Darm verlassen und dabei Entzündungen auslösen.
Möglicherweise beeinflussen Darmmikroben aber auch das Immunsystem oder den Schlaf – zwei weitere Bereiche, die eng mit Demenz verknüpft sind.
Die Forschung ist begrenzt, doch immer deutlicher wird: Verborgene Rhythmen im Darm können das Gehirn beeinflussen, und Rhythmen im Gehirn können wiederum auf den Darm wirken. Einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vertreten inzwischen die Ansicht, diese wechselseitige Kommunikation sei so stark, dass sie als eigener Sinn gelten sollte – als sechster im Arsenal unserer Spezies.
Ein besseres Verständnis dieses verborgenen Sinns könnte den Weg zur Behandlung nicht nur von Demenz, sondern auch einer Vielzahl weiterer Gesundheitsprobleme eröffnen.
Die Studie wurde in Nutrition Research veröffentlicht.
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