Es ist kein Geheimnis, dass das Alter uns körperliche Kraft nehmen kann. Dieser altersbedingte Muskelabbau – Sarkopenie genannt – kann langfristig zu häufigeren Stürzen, mehr Krankenhausaufenthalten, Problemen beim Gehen oder Toilettengang sowie zu weniger Selbstständigkeit führen. Im weiteren Verlauf kann eine stationäre Pflege notwendig werden.
Viele stellen sich unter Betroffenen ältere, gebrechliche und sehr schlanke Menschen vor. Tatsächlich kann Sarkopenie jedoch auch Menschen betreffen, die weder schlank noch besonders alt sind.
Von sarkopenischer Adipositas spricht man, wenn jemand ein erhöhtes Körpergewicht – insbesondere einen hohen Fettanteil – hat und zugleich erheblich an Muskelmasse und Muskelkraft verloren hat.
Die Erkrankung wird durch Bewegungsmangel und eine ungünstige Ernährung begünstigt. Sie kann sich unbemerkt entwickeln, lange bevor Betroffene erkennen, dass ein Problem besteht. Auch ansonsten gesunde Menschen können betroffen sein, insbesondere ab dem mittleren Lebensalter.
Eine verborgene Erkrankung
Sarkopenische Adipositas bleibt häufig unerkannt. Äußerlich kann eine Person nach Übergewicht aussehen, während sie innerlich bereits viel Muskelmasse und Kraft eingebüßt hat.
Manche Menschen wirken auch nicht übergewichtig, haben aber tatsächlich Muskeln verloren und Fett aufgebaut. So kann eine Person in ihren 60ern, die noch immer dieselbe Konfektionsgröße wie mit 20 trägt, dennoch an sarkopenischer Adipositas leiden.
Vielen Menschen sind die Gesundheitsprobleme bekannt, die häufig mit Adipositas verbunden sind, etwa ein erhöhtes Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen frühen Tod. Die Kombination aus Adipositas und geringer Muskelmasse ist jedoch noch schädlicher.
Muskeln sind sowohl für Bewegung als auch für den Stoffwechsel des Körpers entscheidend. Menschen mit sarkopenischer Adipositas haben ein höheres Risiko, alltägliche Tätigkeiten wie Gehen oder das Hinsetzen auf und Aufstehen von der Toilette nicht mehr selbstständig ausführen zu können. Zudem können Krankheiten häufiger auftreten und ein früher Tod wahrscheinlicher werden.
Warum bleibt sarkopenische Adipositas oft lange unbemerkt?
Sarkopenische Adipositas kann sich schleichend über längere Zeit entwickeln. Betroffene wirken möglicherweise weder gebrechlich noch dünn, haben aber durch zu wenig Nutzung ihrer Muskeln bereits beträchtlich Muskelmasse verloren.
Studien zeigen, dass Menschen ab dem 40. Lebensjahr jährlich bis zu 1 % ihrer Muskelmasse verlieren können.
Auch die verbleibende Muskelmasse kann weniger leistungsfähig sein und ist oft von Fett durchzogen – ähnlich wie ein Stück Wagyu-Rindfleisch.
Eine weitere Übersichtsarbeit deutet darauf hin, dass das viszerale Fett, also das Fett im Bauchraum, zwischen dem 30. und 70. Lebensjahr bei Männern um mehr als 200 % und bei Frauen um 400 % zunehmen kann.
Was kann ich tun?
Es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen – allerdings braucht dies Zeit. Wer sarkopenische Adipositas rückgängig machen oder sein Risiko dafür senken möchte, kann Folgendes versuchen:
- mehr Bewegung einplanen, darunter sowohl Krafttraining als auch aerobes Training
- schrittweise 150-300 Minuten körperliche Aktivität pro Woche anstreben, einschließlich zwei oder drei Krafttrainingseinheiten mit Gewichten oder Übungen mit dem eigenen Körpergewicht
- häufiger zu Fuß gehen oder Rad fahren
- im Schwimmbad trainieren.
Auch eine Anpassung der Ernährung kann sinnvoll sein, denn sie spielt bei der Umkehrung einer sarkopenischen Adipositas ebenfalls eine wichtige Rolle.
Sehr kalorienarme Diäten, die üblicherweise zur Behandlung von Adipositas eingesetzt werden, können die Muskelmasse jedoch zusätzlich verringern. Zwar lässt sich Fett verlieren, gleichzeitig besteht aber das Risiko, auch Muskeln und Kraft einzubüßen.
Eine aktuelle Forschungsarbeit, die von einer von uns, Carla Prado, mitverfasst wurde, empfiehlt stattdessen, die Energiezufuhr moderat um 200 bis 700 Kalorien pro Tag zu senken und die körperliche Aktivität zu steigern.
Dieselbe Arbeit empfiehlt, eine höhere Proteinzufuhr in Erwägung zu ziehen, nämlich zwischen 1 und 1. 5g Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich. Das kann helfen, Heißhunger zu verringern sowie Muskelmasse zu erhalten oder aufzubauen.
Zu den Quellen für fettarmes Protein gehören:
- fettarme Milchprodukte
- Weißfisch
- Hähnchenbrust
- mageres Rind- oder Schweinefleisch
- Linsen
- fettreduzierte Sojamilch
- Tempeh oder Tofu.
Solche Veränderungen bei Bewegung und Ernährung umzusetzen, ist nicht leicht. Doch je weiter die sarkopenische Adipositas fortschreitet, desto schwieriger wird es, Sport zu treiben – was das Problem wiederum verstärkt. Es entsteht ein Teufelskreis.
Was können Ärztinnen, Ärzte und Regierungen tun?
Ärztinnen und Ärzte in Australien können mit ihren Patientinnen und Patienten darüber sprechen, das durch Medicare finanzierte Programm für das Management chronischer Erkrankungen zu nutzen. Es übernimmt die Kosten für fünf Behandlungstermine pro Jahr bei einer Sportphysiologin oder einem Sportphysiologen sowie einer Ernährungsberaterin oder einem Ernährungsberater.
Eine private Krankenversicherung kann möglicherweise einen Teil zusätzlicher Beratungstermine abdecken.
Behandlung und Unterstützung können zwar teuer sein. Doch die gesundheitlichen Vorteile und Einsparungen gleichen diese Kosten im Laufe der Zeit in der Regel aus.
Hausärztinnen, Hausärzte und andere Fachkräfte aus den Gesundheitsberufen können sich zudem mit aktuellen Diagnose- und Screeningkriterien vertraut machen, um Menschen mit sarkopenischer Adipositas oder einem entsprechenden Risiko besser zu erkennen.
Diese neuen Diagnosekriterien sind ein wichtiger Schritt hin zu politischen Veränderungen, die eine bessere Diagnose und Behandlung der sarkopenischen Adipositas ermöglichen.
Ärztinnen und Ärzte könnten ihren Patientinnen und Patienten außerdem Folgendes nahelegen:
- Bewegungssnacks, bei denen über den Tag verteilt kurze Trainingseinheiten durchgeführt werden
- bariatrische Chirurgie
- Medikamente gegen Adipositas.
Die Schulung von Gesundheitsfachkräften und eine stärkere Sensibilisierung der Öffentlichkeit sind unerlässlich.
Außerdem benötigen wir mehr Forschungsgelder, um die Ursachen der sarkopenischen Adipositas besser zu verstehen und gezielte Maßnahmen zu ihrer Vorbeugung und Umkehrung zu entwickeln.
Justin Keogh, stellvertretender Dekan für Forschung, Fakultät für Gesundheitswissenschaften und Medizin, Bond University, und Carla Prado, Professorin, Abteilung für Agrar-, Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, University of Alberta
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut von The Conversation veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen